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Opfer des Sports : Tal der Ahnungslosen

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Erinnerungen in schwarz-weiß: Weitspringerin Heike Drechsler (Mitte) 1988 in Düsseldorf Bild: dpa

Nach dem Mauerfall wuchs zusammen, was zusammenpasste für die Vision von einem Medaillensegen auf ewig. Doch es blieben auch viele zurück. Geschundene, Angegriffene, Alleingelassene mit schmerzhaften, noch unerzählten Geschichten.

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          Muss man jetzt auch noch im Sport über das Auseinanderdriften der Gesellschaft reden? Unbedingt. Seitdem die Mauer umgeworfen wurde, haben sich viele Geschichten als scharfe Schwarz-weiß-Bilder festgesetzt in den Köpfen hüben wie drüben. In diesen Tagen werden deutsch-deutsche Episoden aus der Vereinigungsphase zitiert, um die These vom „Abgehängt sein“, von der „Geringschätzung“ der einstigen Sportnation zu stützen. Kein Wunder, dass Bürger mit DDR-Sozialisation und Begeisterung für Olympioniken ihrer Zeit abwandern aus dem Mittelfeld in die Rechtsaußenposition?

          Gegen Gefühle ist schwer ankommen. Vor allem, wenn die wahre Geschichte komplex ist, wenn Entwicklungen an der Oberfläche verdecken, was sich im Inneren abspielt: Der Spitzensport der DDR abgewickelt vom Westen, die Strukturen plattgemacht? So sah das aus damals, als Trainer entlassen wurden, von einem auf den anderen Tag. Nicht mehr zu gebrauchen, bitter. Aber war es vermeidbar, den auf Kosten der Bevölkerung horrend überdimensionierten Staatssport abzurüsten? Oder hätte es so weitergehen sollen wie im Kalten Krieg?

          Erste Doping-Stationen für Minderjährige

          Manches wendete sich, der Spitzensport in seiner Grundstruktur nicht. Die Kinder- und Jugendsportschulen, Drillanstalten für die Fortsetzung des Krieges in der Arena, häufig erste Doping-Stationen für Minderjährige, verschwanden und tauchten mit neuem Namen als Eliteschulen wieder auf. Trainer wurden dort im Spiel gehalten, wo sich Stasitätigkeit oder Dopingtäterschaft halbwegs kaschieren oder abwiegeln ließ. Fachverbände mit westdeutscher Führung fragten gezielt nach Manipulations-Kenntnissen und scheuten sich nicht mal, gerichtlich anerkannte „Fachdoper“ in die erste Reihe zu stellen.

          Das diente nicht etwa der Eröffnung einer Manipulationssparte, sondern eher ihrer Erweiterung. Zweifellos dopte der Westen. Er diskutierte heftig in aller Öffentlichkeit darüber. Nicht nur in der F.A.Z. 1977, auch live im ZDF. Im Westen wurden Doper vor Gericht gezerrt und dort verurteilt, während die Sportführer der DDR noch munter die Sauberkeit ihres verlogenen, brutalen Zwangs-Dopingsystems priesen. Der Verurteilte wanderte nach Thüringen, wurde Rechtswart im Landessportbund.

          Merkwürdig, dass es auch 2019 noch ein Tal der Ahnungslosen zu geben scheint. Heike Drechsler sagte in diesen Tagen im Sportinformationsdienst, eine gesamtdeutsche Aufarbeitung wäre „gerechter“ gewesen. Und das gut 28 Jahre nach Veröffentlichung des Standardwerks zum (gesamt-)deutschen Doping. In ihrem Buch „Doping-Dokumente“ hatte Brigitte Berendonk neben der Darstellung des Menschenversuchs in der DDR samt Hinweis auf den Anabolika-Konsum der Weitspringerin Drechsler das Doping in der Bundesrepublik unverkennbar als systemisch beschrieben. Später bestätigten Historiker diese Erkenntnis. In Wahrheit wuchs 1990 also überwiegend zusammen, was zusammenpasste für die Vision von einem Medaillensegen auf ewig.

          Zurück blieben bis heute jene, die schon lange keine Chance mehr erhalten hatten, weil sie keinen Gewinn bei Olympischen Spielen versprachen. Der Basketball zum Beispiel: abgewickelt, obwohl auf Augenhöhe mit der Bundesrepublik – vom DDR-Politbüro 1969. Auch im Streit um Volksheld Täve Schur gibt es offenbar Aufklärungsbedarf. Nicht aufgenommen in die Hall of Fame des deutschen Sports, weil der frühere Radstar Mauerbau und Schießbefehl nicht in Frage stellte, aber das staatliche Zwangsdoping im DDR-Sport negierte.

          Schur ein Opfer des Westsports? Das wäre eine Wende gewesen. Tatsächlich haben ehemalige DDR-Athleten erfolgreich bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe mit Sitz in Frankfurt protestiert. Geschundene, die im Sport das Leben und Schutz suchten, die angegriffen, die alleingelassen werden mit ihren schmerzhaften, noch unerzählten Geschichten, die reden wollen über ihre Gewalterfahrungen und oft die Hand reichen. Wir müssen sie ergreifen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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