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Dopingfahnder Schänzer : "Wir gewinnen Hinweise, keine Beweise für Doping"

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Der Biochemiker Professor Wilhelm Schänzer im F.A.Z.-Interview über den Fall Lothar Leder und die Aussagekraft des Retikoluzytenwertes im Blut.

          Der Biochemiker Professor Wilhelm Schänzer im F.A.Z.-Interview über den Fall Lothar Leder und die Aussagekraft des Retikulozytenwertes im Blut.

          Endlich könne er das Wort Retikulozyten fehlerfrei aussprechen, hat Kurt Denk, der Veranstalter des Ironman in Frankfurt, gerade gestanden. Was sind das für verräterische Teilchen, deren ungewöhnliche Konzentration den Triathleten Lothar Leder in eine schlimme Bredouille gebracht hat?

          Retikulozyten sind, vereinfacht gesagt, relativ frische rote Blutkörperchen.

          Noch so jung und schon verdächtig? Warum?

          Die allermeisten roten Blutkörperchen, also die Erythrozyten, geben keinen Zellkern zu erkennen. Nur in den ersten drei, vier Tagen nach ihrer Neubildung sehen wir an frischen roten Blutkörperchen so etwas wie Zellreste.

          Und warum lassen sich die Retikulozyten als mögliche Zeugen für Blutdoping zitieren?

          Normalerweise beträgt der nachweisbare Anteil neuer roter Blutkörperchen zwischen ein und zwei Prozent. Ist er höher, ist das ein interessanter Hinweis auf Blutdoping, zum Beispiel mit Erythropoietin. Ist er niedriger, kann es auf abgesetztes Epo deuten, weil der Körper die eigene Produktion, die durch die Zufuhr gedrückt wird, noch nicht wieder voll aktiviert hat.

          Das Hormon Epo steuert und steigert bekanntlich die Produktion der roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff transportieren. Nun gibt es doch längst ein Verfahren, Epo-Missbrauch nachzuweisen. Warum sind Sie denn so neugierig auf die Retikulozyten?

          Die kann man schneller und leichter erkennen. Jetzt eine Blutprobe - und gleich schon das Ergebnis.

          Sie sagen doch selbst, ein erhöhter oder zu niedriger Wert an Retikulozyten sei ein Hinweis auf Doping. Aber kein Beweis.

          Ja, das stimmt. Wir Analytiker gewinnen Erkenntnisse, dass etwas nicht stimmen könnte.

          Sie bleiben im Konjunktiv. Ist es denn dann gerecht, einen abweichenden Blutwert wie einen Dopingbeweis zu behandeln?

          Nein, juristisch sicher nicht. Die Sportverbände haben keine entsprechenden Regeln. Aber Sie fragen mich ja als einen Naturwissenschaftler, und da verraten mir die Retikulozyten eben einiges.

          Doch nicht genug, um jemanden als Doper zu brandmarken?

          Nein, nicht genug.

          Was sollen Dopingbekämpfer dann mit solchen Blutwerten anfangen?

          Sie müssen dem, was wir bei unseren Analysen finden, nachgehen. Sie müssen versuchen, weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Resultate aus anderen, offiziell als Nachweisverfahren anerkannten Methoden. Nur diese dürfen und können sie ja verwenden.

          Sie und Ihre Kollegen Biochemiker sind also, was den Nachweis von Retikulozyten angeht, keine verlässlichen Lieferanten von Dopingbeweisen?

          Nein. Wie gesagt: Wir geben Hinweise, vielleicht sogar starke Hinweise. Aber wir leisten damit nur eine Hilfestellung auf dem Weg, belastbare Beweise von Manipulationen zu suchen und zu finden.

          Die Fragen stellte Hans-Joachim Waldbröl.

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