https://www.faz.net/-gu9-73sg2

Dopingaffäre Armstrong : „Sowas darf nie wieder passieren“

  • Aktualisiert am

Dunkle Wolken: Lance Armstrong wird vom Radsport-Weltverband UCI bestraft Bild: dpa

Es war eine beispiellose Karriere, es ist ein beispielloser Absturz: Der Radsport-Weltverband erkennt Lance Armstrong wegen Dopings alle sieben Tour-Titel ab. UCI-Boss McQuaid will nicht zurücktreten - und stellt eine Forderung.

          Die einmalige Tour-Ära Lance Armstrong wird aus den Radsport-Geschichtsbüchern gelöscht. Knapp zwei Wochen nach dem verheerenden Bericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada stempelte auch der Radsport-Weltverband UCI den Amerikaner endgültig als Doper ab und entzog ihm nachträglich seine sieben Gesamtsiege bei der Frankreich-Rundfahrt.

          „Lance Armstrong hat keinen Platz im Radsport“, unterstrich Verbandsboss Pat McQuaid am Montag in Genf. „So etwas darf nie wieder passieren.“ Personelle Konsequenzen schloss der umstrittene Ire aus. Was mit Armstrongs Titeln der Tour-de-France- Jahre 1999 bis 2005 passiere, will die UCI erst am Freitag bei einer Sondersitzung entscheiden.

          Mehr als 1000 Seiten Beweismaterial der Usada, darunter die Aussagen elf ehemaliger Teamkollegen Armstrongs als Kronzeugen: Letztlich hatte die UCI keine Wahl, als die lebenslange Sperre der amerikanischen Anti-Doping-Jäger gegen den Texaner und die Aberkennung aller Erfolge von 1998 an zu bestätigen. „Was ich im Usada-Bericht gelesen habe, macht mich krank“, sagte McQuaid.

          Über eine mögliche Rückzahlungsforderung der Siegprämien in Millionenhöhe soll ebenfalls erst am Freitag entschieden werden. Dann soll auch geklärt werden, ob die Zweitplatzierten der sieben Rundfahrten zu Toursiegern ernannt werden. Armstrong hatte den gebürtigen Rostocker Jan Ullrich dreimal (2000, 2001, 2003) und Andreas Klöden aus Mittweida 2004 direkt hinter sich gelassen (siehe Kasten am Ende des Textes).

          Dass sich das deutsche Duo Hoffnungen auf das Gelbe Trikot machen kann, gilt als unwahrscheinlich. Tour-Chef Christian Prudhomme hatte sich jüngst dafür ausgesprochen, die Titel in dem „verlorenen Jahrzehnt“ nicht neu zu vergeben. Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, forderte Armstrong nun zu einem Geständnis auf. „Spätestens jetzt, nach der eindeutigen Entscheidung der UCI, wäre es für Lance Armstrong an der Zeit, sich umfassend zu äußern. Dies wäre sowohl für ihn selbst als auch für seinen Sport hilfreich“, meinte Bach.

          Über die Bronzemedaille Armstrongs bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wolle das IOC nach der UCI-Sitzung am Freitag entscheiden. Armstrong selbst äußerte sich zunächst bis zum Nachmittag nicht zu dem Urteil. Kritik erntete auch die UCI: Nach Ansicht von Jean Regenwetter, den Präsidenten des Luxemburger Radverbandes und zuletzt schärfsten Verbandskritiker, dürfte sich in der UCI trotz McQuaids scharfen Worten wenig ändern.

          Die wichtigsten Etappen in der Radsport-Karriere von Lance Armstrong

          Am kommenden Freitag säßen „genau dieselben Leute zusammen, die dafür gesorgt haben, dass die Glaubwürdigkeit des Radsports in Zweifel gezogen wurde“, sagte Regenwetter der Nachrichtenagentur dpa. Auch bei der Pressekonferenz im Saal „St. Moritz“ des Genfer Flughafen-Hotels Starling wurde aus der Verkündung des Strafmaßes gegen Armstrong schnell eine Rechtfertigungs-Veranstaltung der UCI.

          Vor Dutzenden Kamerateams und Fotografen sowie mehr als 100 Reportern schloss McQuaid einen Rücktritt aus. „Natürlich kann man in der Rückschau immer sagen, man hätte mehr tun können“, sagte er. Die Usada hatte in ihrem Bericht angedeutet, Armstrong habe einen positiven Dopingtest einst mit Hilfe der Verbandsspitze verschleiert. Den Vorwurf wies McQuaid zurück und nahm auch seine umstrittenen Vorgänger Hein Verbruggen und jetzigen Ehrenpräsidenten in Schutz.

          Der Amerikaner verliert alle seine sieben Titel bei der Tour de France

          Für Regenwetter steht dagegen fest: „McQuaid und Verbruggen müssen weg.“ Der Luxemburger will seinen Unmut über das System UCI und Änderungsvorschläge in Kürze in einem offenen Brief an die europäischen Verbände kundtun. Dass die Anti-Doping-Maßnahmen im Radsport lange ungenügend waren, räumte auch McQuaid ein. „Es tut mir leid, dass wir nicht jeden verdammten Sünder erwischen konnten“, sagte er.

          218 Mal sei Armstrong auf Doping getestet worden - ohne positiven Befund. Dass der Radsport irgendwann komplett vom Doping befreit werde, glaubt McQuaid nicht. Der gefallene Rad-Held Armstrong habe es verdient, vergessen zu werden, sagte McQuaid. Nicht alle sind dieser Meinung. „Dem stimme ich nicht zu“, twitterte Sprinter Marcel Kittel. „Er soll für immer als Beispiel für den falschen Weg im Gedächtnis bleiben.“

          Armstrong war von der Usada jahrelanges und systematisches Doping nachgewiesen worden. Wie Zeugen unter Eid berichteten, habe Armstrong Epo-, Testosteron-, Kortison- und Blutdoping betrieben. Zudem habe er Mannschaftskollegen zum Doping gezwungen und eingeschüchtert, als diese sich von ihm abgewandt hatten. Der Beschuldigte stritt die Vorwürfe ab. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) begrüßte die UCI-Entscheidung.

          „Entscheidend ist, dass ein „verseuchtes Jahrzehnt“ aufgearbeitet und endlich abgeschlossen wird“, sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping. Armstrong war wegen der massiven Anschuldigungen zuletzt bereits von seinen wichtigsten Sponsoren - darunter Nike und am Montag auch dem Brillenhersteller Oakley - fallengelassen worden. Außerdem trat der 41-Jährige als Vorsitzender seiner Krebsstiftung Livestrong zurück. Der „Weltrekord-Doper“ (New York Daily News) steht vor dem Ruin.

          Die Tour-Zweiten hinter Lance Armstrong

          Lance Armstrong wurden wegen Dopings alle seine sieben Tour-de-France-Erfolge nachträglich aberkannt. Der Radsport-Weltverband UCI will am Freitag darüber beraten, ob die Titel zwischen 1999 bis 2005 neu vergeben werden. Davon könnten auch die Doping-verdächtigen, aber nicht überführten zweitplazierten Jan Ullrich und Andreas Klöden profitieren.

          1999: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Alex Zülle (Schweiz)
          2000: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Jan Ullrich (Deutschland)
          2001: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Jan Ullrich (Deutschland)
          2002: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Joseba Beloki (Spanien)
          2003: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Jan Ullrich (Deutschland)
          2004: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Andreas Klöden (Deutschland)
          2005: Sieger Lance Armstrong - Zweiter: Ivan Basso (Italien)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.
          Oktober 2018: Polizisten drängen mehrere Demonstranten gegen den Landesparteitag der AfD Niedersachsen in Oldenburg ab (Symbolbild)

          Opferbefragung : Studie: Deutlich mehr Fälle von Polizeigewalt

          Bei Demonstrationen und Fußballspielen kommt es offenbar besonders oft zu Eskalationen: Eine Studie der Universität Bochum legt nahe, dass Polizisten deutlich häufiger als bisher gedacht ungerechtfertigte Gewalt anwenden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.