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Doping : Wie man zum Schwein wird

  • -Aktualisiert am

Fairness gepredigt, Foulspiel praktiziert: Chefschwein Napoleon, aus dem Film Animal Farm Bild: ddp images/pwe

Lüge, Betrug, Rücksichtslosigkeit: Erik Zabel ist ein Musterbeispiel für den Sportprofi, der nach einer überholten Moral leben soll. Mit dem Spielerischen am Sport sind auch die Maßstäbe verlorengegangen.

          Wer über den Sport in dieser Welt sprechen, gar streiten will, kann nicht nur über den Sport reden. Es gab Zeiten, da galt Sport als Spiel. Bekanntlich gibt es zwei Sorten von Spielverderbern. Zum einen diejenigen, die nicht ernsthaft spielen und gar nicht gewinnen wollen. Die tun nur so, als ob sie spielen - dabei tun sie etwas anderes, zum Beispiel die ganze Zeit reden beim Spielen. Einige verbrämen das auch noch als Geselligkeit. Zum anderen diejenigen, die zu ernsthaft spielen und nur gewinnen wollen. Die tun nicht einmal so, als würden sie spielen. Einige verbrämen das auch noch als gesunde Härte.

          Als der Sport, frühneuzeitlich, noch ein Gentlemen-Vergnügen war, gab es wenig Spielverderber. Der nötige Ernst war gewahrt, denn man ließ gewinnen und wettete auf den Sieger. Aber zu ernst wurde es auch nicht, denn für den Ernstfall wählte man das Duell. Wer dagegen Sport trieb, der musste die Grazie wahren; es war verpönt, sich allzu sehr für den Sieg anzustrengen, gar vorbereitend zu trainieren, denn das dokumentierte, dass man das Preisgeld, nicht aber das Vergnügen suchte. Und das haben Gentlemen nicht nötig.

          Jeder Fortschritt hat seinen Preis

          Heute gibt es im öffentlich sichtbaren, nicht bloß privaten, Sport kaum noch die Spielverderber, die nicht ernsthaft gewinnen wollen oder müssen. Als es offiziell Amateure gab, mag das noch anders gewesen sein. Amateur im Leistungssport zu sein, muss man sich leisten können. Sport soll aber offen für alle sein, und deshalb haben solche feudalen Überreste des Gentlemen-Vergnügens heute zum Glück ausgespielt. Man lobt ihn nicht gerne, aber dass der Amateurparagraph unter der Ägide von Samaranch im olympischen Sport abgeschafft wurde, hat ersichtlich einen Anachronismus beseitigt.

          Freilich, und so viel Dialektik der Aufklärung muss sein: Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Alles spricht sogar dafür, dass das damalige IOC an diesem Preis, nicht aber am historischen Fortschritt interessiert war. Seitdem jedenfalls kann im olympischen Sport ganz ungehemmt dem Erfolg gefrönt werden. Man darf getrost unterstellen, dass Samaranch, ein gestandener Franquist und demokratischen Anliegen gänzlich abhold, persönlich manch melancholische Phase durchgemacht hat, alte Adelszöpfe des Olympismus abschneiden zu müssen.

          Aber was ist mit jenen Spielverderbern, die einstmals zu ernsthaft Sport trieben? Aller Anschein spricht dafür, dass der Sport kein Spiel mehr ist - und man ihn folglich nicht dadurch verdirbt, zu ernsthaft zu spielen, sondern dass man ihn dadurch verdirbt, ihn nicht so ernsthaft wie irgend möglich zu betreiben. Sport zu ernsthaft spielen zu können, das war gestern. Heute wird man daher gelegentlich auch zum Schweinsein genötigt, und es ist nur konsequent, dass es nunmehr Bereiche des Sports gibt, in denen man ein Schwein sein muss und sich dabei nicht erwischen lassen soll.

          Sport ist kein Spiel mehr, sondern Geschäft

          Dass der Sport kein Spiel mehr ist, sondern ein Geschäft geworden ist, wie wir so sagen, hat nicht als solches damit zu tun, dass mit ihm Geld verdient wird. Man schreibt ja auch nicht deshalb schon Kitsch, weil man mit seinem Roman Geld verdient. Dass man mit dem Sport Geld verdienen kann - das ist doch schön! Massenmedien wie das Geld sind vermutlich keine notwendigen Bedingungen, aber doch immerhin ganz ordentliche Voraussetzungen für einen Sport für alle. Wer da die Nase rümpft, zeigt nur, dass er sie zu hoch hält.

          Dem Sport ist, allem Anschein nach, das Spielerische verloren gegangen. Und das ist nicht eine Frage des Geldes, sondern eine Frage seiner Organisationsform. Wie sich einige von uns sich noch erinnern mögen, sollten wir damals, als der Sport noch als Spiel galt, unterscheiden zwischen „Erfolg“ und „sportlich-fairem Erfolg“. Es ist ja keine Kunst, gegen einen von vornherein schwächeren Spieler zu gewinnen - deshalb ist die Regelung der Gewichtsklassen entstanden. Heute ist so etwas nur noch eine Hürde, die durch Ranhungern und Randopen genommen werden will.

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