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Doping West : Anabolika auf Rezept

„Auf der anderen Seite weiß ich, dass das ohne unterstützende Mittel nicht geht. Das ist ein Dilemma“: Der ehemalige Diskuswerfer Hennig über Gründe fürs Doping Bild: Imago

Ein weiterer Beleg für großflächiges Doping im Westen schon in den siebziger und achtziger Jahren: Eine anonyme Umfrage für eine Dissertation bringt klare Ergebnisse. Nur ein Sportler bekennt sich öffentlich.

          Eine Dissertation an der Universität Hamburg bestätigt, dass auch im Spitzensport der alten Bundesrepublik Deutschland großflächig gedopt wurde. Von 61 männlichen Leichtathleten, die in der Zeit von 1960 bis 1988 zur deutschen Spitze gehörten und die sich in einer Umfrage des Doktoranden Simon Krivec zur Sache äußerten, bestätigten 31, dass sie damals zur Leistungssteigerung Anabolika einnahmen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Krivec, selbständiger Apotheker in Krefeld, hatte 112 Sportler angeschrieben. 61 antworteten, 42 machten, wie er in der Sportschau des ersten deutschen Fernsehens sagte, Angaben zur Sache. „Die Daten belegen statistisch signifikant, dass mehr als 50 Prozent der Athleten anabole Steroide eingenommen haben“, sagt Krivec. „Verblüffend war, dass die Athleten sehr offen damit umgegangen sind.“ Bis auf einen bestanden allerdings alle auf Anonymität.

          Auf Rezept bezogen

          Er habe die Athleten nach ihrem Unrechtsbewusstsein gefragt, sagt Krivec. „Alle haben zurückgeschrieben, dass sie kein Unrechtsbewusstsein haben, weil eigentlich haben es ja alle gemacht.“ Die Dosierungen der Männer lagen nach seiner Erhebung in fast allen Fällen weit über den Empfehlungen der Hersteller. Bevorzugte Medikamente waren demnach zunächst Dianabol und später, in den achtziger Jahren, Stromba. Diese wurden ganz überwiegend auf Rezept bezogen.

          Ärzte, Apotheker und Trainer waren zum Teil aktiv am Doping beteiligt. In einem Fall wurden über das Jahr 1974 bis zu 5000 Milligramm Dianabol konsumiert, was rund tausend Tabletten entspricht. Die Zeiträume der Anabolika-Einnahme erstreckten sich auf bis zu zwölf Jahre. Anabolika sind in der Leichtathletik seit 1970 verboten.

          „Eine Arbeit, die die Verhältnisse zu der Zeit, aus der ich komme, wirklich abbildet“, urteilt der ehemalige Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig über die Arbeit. Die Arbeit beschreibe die damalige Situation „genauso, wie ich es damals gehört habe. Und selbst gemacht habe natürlich.“ Hennig war mehrmals deutscher Meister und Mitglied der westdeutschen Olympiamannschaften von Mexiko 1968 und München 1972. Er ist in der Arbeit als einziger namentlich genannt und äußerte sich gegenüber dem WDR. „Auf der einen Seite will ich selbst Leistung, hohe Leistung schaffen, will die Olympiaqualifizierung schaffen“, sagte er demnach. „Auf der anderen Seite weiß ich, dass das ohne unterstützende Mittel nicht geht. Das ist ein Dilemma.“

          Über einen Zeitraum von sieben Jahren habe er Dianabol, zeitweise morgens, mittags, abends jeweils eine Tablette genommen. Auch er habe vom Arzt ein Rezept bekommen. „Das haben wir eingereicht in der Apotheke. Und die bekam das Geld von der Krankenkasse. So war das, ganz einfach.“

          Hennigs Aussagen und die Ergebnisse der Dissertation vertiefen das Bild von der jahrzehntelangen sportartübergreifenden Doping-Praxis in der Bundesrepublik, die trotz einer öffentlichen Debatte nach den Olympischen 1976 in Montreal – der Sprinter Manfred Ommer beschrieb 1977 seine Erfahrungen mit Dianabol – und diversen Doping-Fällen in den achtziger Jahren bis hin zum Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987 von maßgeblichen Funktionären und Medizinern als eine Kette von Einzelfällen veharmlost und verschleiert wurde. Dieser Zeitung liegt seit 2013 der Doping-Plan des Freiburger Sportmediziners Armin Klümper für die Kaderathleten des Bundes Deutscher Radfahrer zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1976 vor – einzunehmen waren demnach unter anderem die Anabolika Deca-Durabolin, Megagrisevit und Primabolan.

          Und ein Olympiasieger der Spiele von Los Angeles 1984 hatte gegenüber der F.A.Z. im Jahr 2009 mit Blick auf Kollegen, Heimtrainer, Bundestrainer und Verbandschef gesagt: „Sie haben es alle gewusst. Es war klar, dass es nicht ohne Pillen ging. Bei denen im Osten schien es etwas kontrollierter gewesen zu sein. Im Grunde waren wir auf dem gleichen Niveau. Was die Pillen betraf.“

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