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Russische Manipulationen? : Eine endlose Schande

Klare Worte zum Thema Doping: Hochspringerin Marija Lassizkene, hier beim Leichtathletik-Meeting in Ostrava Bild: dpa

Krisensitzung bei der Welt-Anti-Doping-Agentur: Die brisanten Daten aus dem Moskauer Labor könnten manipuliert sein. Bestätigt sich dieser Verdacht, drohen ernste Konsequenzen.

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          Als der Weltverband im Juni zuletzt die Sperre der russischen Leichtathleten verlängerte – insgesamt zum elften Mal seit November 2015 –, da schäumte die russische Hochspringerin Marija Lassizkene: „Ich hoffe, dass die Leute, die in diese endlose Schande verwickelt sind, den Mut haben, zu gehen“, schrieb sie auf Instagram. Das war vor drei Monaten. Lassizkene, die einzige aktuelle Leichtathletik-Weltmeisterin aus Russland, hatte, wegen des erwiesenen russischen Staats-Dopings über vier Jahre, nicht an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen können und begann, auch um ihre Chance bei den Spielen in nunmehr zehn Monaten in Tokio zu fürchten.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Sie hatte nur allzu recht: Die Schande ist endlos. Die jüngsten Nachrichten, die am Samstag von der ARD und mehreren Nachrichtenagenturen verbreitet und mittlerweile auch so offiziell bekräftigt wurden, zeigen, wie gespielt das angebliche Umdenken in Teilen des russischen Sportsystems weiterhin ist. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vermutet, dass der Datensatz aus dem Moskauer Labor, der ihr Anfang des Jahres zum Zwecke der Wahrheitsfindung überlassen wurde, Manipulationen enthält. Das war an diesem Montag Thema bei der Wada-Exekutivsitzung in Tokio. Das „Compliance Review Committee“, das die Aufgabe hat, festzustellen, ob die Wada-Mitglieder die Vorschriften des Basis-Regelwerks namens Anti-Doping-Kodex einhalten, übergab dort einen entsprechenden Bericht. Wenn sich der Verdacht letztlich bestätigen sollte, hätte Russland wieder einmal das internationale Sportsystem und damit die Athleten dieser Welt, einschließlich seiner eigenen, angeschmiert.

          Bann gegen Russland?

          An diesem Montag findet noch eine weitere wichtige Sitzung statt: In Doha tagt der Council des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), die abermals darüber entscheiden wird, ob sie den Bann gegen Russland aufrechterhält. Marija Lassizkene kann zwar bei den am Freitag dort beginnenden Weltmeisterschaften ihren Titel verteidigen, allerdings wohl wieder nicht unter russischer Flagge, sondern als „Neutrale Athletin“, die nachweisen musste, dass sie einem effektiven Kontrollprogramm unterliegt. Es ist zu erwarten, dass die Suspendierung bestehen bleibt, und das nicht nur vor dem aktuellen Hindergrund. Zuvor war bemängelt worden, dass gesperrte russische Trainer wieder Athleten betreuten. Zudem ist auch die IAAF noch mit der Auswertung der Labordaten aus Moskau beschäftigt – die sich nun als unzuverlässig erweisen könnten.

          Der Zugang zu der sogenannten Lims-Datei war eine der Bedingungen gewesen, unter denen die Wada bereit war, die Sperre der Russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) aufzuheben. Die Daten waren der Wada so wichtig gewesen, dass sie die Rusada sogar im September 2018 im Vorgriff, allein auf die russische Zusage hin, wieder anerkannte. Und dass sie keine Sanktion aussprach, als die Daten zu Beginn dieses Jahres erst mit Verspätung zur Verfügung gestellt wurden. Im Juni gab die Wada bekannt, dass sich aus der Datei 298 Fälle ergeben hätten, in denen Athleten des Dopings verdächtig seien. Die Ermittlungsabteilung der Wada schnürte daraus vorerst 43 Beweispakete, die sie an die betroffenen Fachverbände weiterreichte. Auf dieser Basis sperrte der Gewichtheber-Weltverband bereits 12 Athleten vorläufig. Auch der Biathlon-Weltverband ging gegen zwei Athleten vor.

          Die Frage, wie belastbar die Beweise, die aus der Datei stammen, im Rückblick sind, ist offen. Offenbar sind die Wada-Ermittler, die den Datensatz mit forensischen Methoden untersucht haben, erst jetzt auf die Manipulationen aufmerksam geworden. Wie die Wada am Montagmittag bekanntgab, werde als erste Reaktion darauf eine offizielle Untersuchung angestoßen. Die Rusada habe drei Wochen Zeit, die Ungereimtheiten zu erklären. Doch weitere Sanktionen sind möglich. Denkbar wäre, dass die Rusada die Akkreditierung wieder verlöre. Nach ihrem neuen Regelwerk könnte die Wada theoretisch sogar das Russische Olympischen Komitee suspendieren, was einem Ausschluss von den Olympischen Spielen gleichkäme. Der britische Anwalt Jonathan Taylor, der Vorsitzende des Wada-Compliance-Komitees, hatte im vergangenen Jahr dafür plädiert, die Sperre der Rusada aufzuheben. Für den Fall, dass die Daten aus Moskau manipuliert seien, drohte er aber an, er werde „ernsthafte Konsequenzen“ empfehlen.

          Das Internationale Olympischen Komitee (IOC) freilich hat die Berichte über den russischen Doping-Betrug bereits nach den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang zu den Akten gelegt. Dort waren russische Sportler zugelassen gewesen, als „Olympic Athletes from Russia“, aber ohne Nationalsymbole. Mit einer Sperre der Rusada träfe die Wada allerdings nicht die Schuldigen. Juri Ganus, der neue Rusada-Chef, dürfte mit den möglichen Fälschungen nichts zu tun haben. Das Personal von einst ist ausgetauscht. Ganus gehört selbst zu den Kritikern des alten Systems. Gegenüber der Nachrichtenagentur Tass sagte er erst vergangene Woche, ein Problem sei das Eingreifen „einer übergeordneten Behörde“. „Es gibt Leute, die meine Arbeit behindern.“ Namentlich nannte er Sportminister Pawel Kolobkow.

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