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Doping-Untersuchung in Frankreich : Eine Rüge für die Fußball-Bundesliga

In vornehmer Zurückhaltung: Die Bundesliga wird für ihre Dopingtests kritisiert Bild: picture-alliance / Norbert Schmi

Der französische Senat schießt in seiner Doping-Untersuchung nur gegen den Radsport scharf. Die Fußballstars werden verschont. Allerdings findet sich auch eine Rüge für die Bundesliga im Bericht wieder.

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          Hätte der Radsport die Privilegien des Fußballs - er hätte ein paar Probleme weniger. Dies zeigt auch der Bericht der Untersuchungskommission des französischen Senats zum Thema Doping. Dort werden zwar ohne Skrupel die Namen von Jan Ullrich, Erik Zabel und fünfzehn anderen Radprofis genannt, denen aufgrund von für Disziplinarverfahren nicht verwendbaren Analysen Epo-Doping für die Tour de France 1998 und 1999 nachgewiesen wird. Und die Namen weiterer zwölf Radrennfahrer, die lediglich verdächtig sind. Doch in der Passage des Berichts, wo eigentlich die unter Eid gemachten Aussagen des französischen Fußball-Nationaltrainers Didier Deschamps stehen müssten, folgt eine Lücke. „Anhörung hinter verschlossenen Türen“ ist alles, was die Politiker preisgaben.

          Evi Simeoni
          (oni.), Sport

          Bei der am Mittwoch präsentierten Untersuchung nahmen die Senatoren nicht nur das Dopingproblem im Radsport unter die Lupe. Insgesamt sagten vom 14. März bis 13. Juni mehr als 70 Personen aus, darunter Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und Funktionäre - zum Beispiel aus dem Biathlon, Rugby, Schwimmen, der Leichtathletik, Ski alpin, Tennis und Behindertensport. Deschamps dürfte interessante Dinge erzählt haben, schließlich gehörte er zu den Spielern des italienischen Skandalvereins Juventus Turin, von denen es im Jahr 2004 hieß, sie seien zwischen 1994 und 1998 mit dem Nierenmedikament Erythropoietin (Epo) gedopt worden. Das entsprechende Gerichtsverfahren endete ohne Verurteilung.

          Doch der französische Nationalheld muss keine Konsequenzen fürchten. „Die Kollateralschäden des Berichts treffen - wie immer - nur den Radsport, weil er die einzige Sportart ist, in der man nach 15 Jahren immer noch Gläser mit eingefrorenem Urin aufbewahrt“, beklagt die spanische Zeitung „Marca“ zu Recht. Die Dopingproben der Fußball-WM 1998 in Frankreich existieren jedenfalls schon lange nicht mehr. Ein paar kritische Bemerkungen zum Thema Fußball enthält der Bericht aber doch. Zum Beispiel auf Seite 159. Da wird bemängelt, dass in der deutschen Fußball-Bundesliga kein einziger Bluttest vorgenommen wird, mit dem man zum Beispiel den Missbrauch von Wachstumshormon nachweisen könnte.

          Neben dem Unmut über die Ungleichbehandlung werden aber auch die Radsport-Enthüllungen nur wenig Konsequenzen haben. Wenigstens Australien regt sich noch auf über seinen der Lüge überführten Helden. Der 39 Jahre alte Radprofi Stuart O’Grady, dessen Namen auf der Schwarzen Liste der lediglich Verdächtigen auftauchte, steht in einer Heimat nun am Pranger. Vielleicht muss er sogar seine drei nationalen Auszeichnungen zurückgeben, darunter die 2005 verliehene Medaille „Order of Australia“.

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          Doping-Pressestimmen : „1998: Tour de Epo“

          Das Australische Olympische Komitee (AOC) schloss ihn aus der Athletenkommission aus, nachdem er diesen Schritt nach einer Aufforderung am Donnerstag nicht selbst vollzogen hatte, und seine vier Medaillen als Bahnradfahrer bei den Olympischen Spielen 1992, 1996 und 2004 wurden öffentlich in Frage gestellt. Am Montag beendete O’Grady nach seiner 17. Tour-Teilnahme überstürzt seine Karriere. Am Mittwoch gab er gegenüber dem „Adelaide Advertiser“ zu, zumindest 1998 Epo genommen zu haben.

          In den Vereinigten Staaten fasste derweil Chef-Betrüger Lance Armstrong die im Radsport vorwiegende Stimmung mit Hilfe eines Fäkalwortes zusammen: „Wenn wir nicht zusammenkommen, einen Strich ziehen und nach vorne blicken, sind wir alle angeschissen“, sagte der lebenslang gesperrte Amerikaner gegenüber dem Internetportal „Cyclingnews“.

          „Anhörung hinter verschlossenen Türen“: der französische Nationaltrainer Didier Deschamps
          „Anhörung hinter verschlossenen Türen“: der französische Nationaltrainer Didier Deschamps : Bild: Reuters

          An den Ergebnislisten wird sich durch den Bericht jedenfalls nichts mehr ändern. Auch der frühere Telekom-Profi Jens Heppner muss als Sportdirektor des zweitklassigen deutschen Teams NetApp keine direkten Konsequenzen fürchten. Genauso wenig wie Erik Zabel, der als Sportchef des russischen Teams Katjuscha sowieso in einem zweifelhaften Umfeld tätig ist. Lediglich der Veranstalter des Hamburger Radrennens Cyclassics könnte die Rolle seines Sportdirektors Zabel hinterfragen.

          Doch jeder Insider, der sich erst jetzt von den ehemaligen Radstars abwendet, würde sich selbst dem Verdacht der Scheinheiligkeit aussetzen. So wie die Organisation Unipublic, der Veranstalter der Spanien-Rundfahrt, der den früheren Rad-Weltmeister Abraham Olano als Technischen Direktor gefeuert hat. Obwohl sein Name auf der Senats-Liste steht, beteuert er weiter seine Unschuld, weil er nie positiv getestet worden sei. Unrechtsbewusstsein fehlt ihm ganz. „Ich sehe mich nicht als schuldig. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas Illegales getan habe.“

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