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Doping-System in Russland : Jagd nach dem Verräter

Kein russischer Fuß auf olympischem Boden? Die neuen Beweise der Wada könnten die russischen Olympia-Pläne endgültig zunichte machen. Bild: dpa

Zwischen kalter und heißer Wut: Neue Beweise für das Doping-System treiben den russischen Sport immer mehr in die Enge und könnten die russischen Olympia-Pläne für Pyeongchang endgültig zunichtemachen.

          Der erste Sportler, der die Auswirkungen der jüngsten Zuspitzungen im russischen Doping-Skandal zu spüren bekam, trainierte vergangene Woche in Sibirien. Ilija Tschernussow, Skilangläufer, sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen. Nein, er habe seine Mannschaftskameraden nicht ans Messer geliefert, sagte Tschernussow. „Das ist ein Bluff“, heißt es in einem Statement auf der Website des Trainingszentrums, in dem er sich auf die Saison vorbereitet. „Ich bin im Trainingslager mit der Mannschaft, der Trainingsplan ist voll. Ich würde mich gern voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren.“

          Das ist schwierig, denn wesentliche Teile des russischen Sports, insbesondere des Wintersports, treibt eine Frage um: Wer ist der Verräter? Wer hat dafür gesorgt, dass zunächst, neben anderen, die strahlenden Sieger des 50-Kilometer-Langlaufs der Spiele von Sotschi, Alexander Legkow und Maxim Wylegschanin, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wegen Dopings disqualifiziert und mit einem Olympia-Bann bis ans Lebensende belegt wurden? Der russische Langlauftrainer Juri Borodawko hatte gemutmaßt: Tschernussow. Schließlich rücke er durch die Disqualifizierungen vor bis auf Platz eins. Borodawko fand schnell Anhänger für seinen Verdacht, Tschernussow sei doch privat mit einer Schweizer Biathletin liiert. Am Samstag ging Tschernussow bei einem Testwettkampf in Davos an den Start.

          Und Skiverbandspräsidentin Jelena Välbe, dreimal Olympiasiegerin, 14 Mal Weltmeisterin, sagte der Agentur „R-Sport“: „Jeder Informant ist für mich ein Verräter unseres Mutterlands.“ Doch die Suche nach den Verrätern geht noch weiter: Wer hat der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) die Datei verschafft, von der die Wada am Freitag sagte, darauf sei das Labor-Informationsmanagement-System des Moskauer Anti-Doping-Labors, alle Testdaten des Zeitraums Januar 2012 bis August 2015 aus der Zentrale des großen, staatlich organisierten Doping-Betrugs?

          Die Reaktionen aus Moskau auf diese Nachrichten bewegen sich häufig in einem Spektrum kalter und heißer Wut – stehen doch bei Wada und IOC zwei wesentliche Sitzungen an. Zum einen trifft sich die Wada-Exekutive am 15. und 16. November, um darüber zu entscheiden, ob die russische Anti-Doping-Agentur wieder zugelassen werden kann. Bis dahin will die Investigativabteilung der Wada die „enorm große“ Datei ausgewertet haben.

          Entscheidung Anfang Dezember

          Und das IOC will auf der Sitzung seiner Exekutive vom 5. bis 7. Dezember über eine Bestrafung für das russische Olympia-Team mit Blick auf die Winterspiele in Pyeongchang im Februar entscheiden. Diese Entscheidung werde durch „gewisse Staaten und Organisationen stark beeinflusst“, sagte der russische Sportminister Pawel Kolobkow. Kolobkow, einst bei Olympia  dekorierter Fechter wie IOC-Präsident Thomas Bach, sagte der Website „Insidethegames.biz“: „Weniger als 100 Tage vor Pyeongchang ist es unfair, die Athleten in dieser Ungewissheit zu lassen. Wir bestreiten nicht, dass es einige Doping-Fälle gab, wie in anderen Ländern auch, aber es gab bei uns kein staatlich unterstütztes Doping-Programm. Es gibt nichts, was die Rusada daran ändern könnte.“

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