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Doping : Straffrei mit acht Epo-Spritzen

Franke: „Man kann mit einem Warenlager herumreisen und bleibt straffrei” Bild: dpa

„Nicht geringe Mengen“ von Dopingmitteln sind seit diesem Donnerstag gesetzlich definiert. Die Liste gehört zum Arzneimittelgesetz, das den Kampf gegen Doping voranbringen soll. Doch Doping-Aufklärer Franke schlägt Alarm.

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          Der Heidelberger Krebsforscher und Doping-Aufklärer Werner Franke hat die Liste zum sogenannten Antidopinggesetz, die mit Veröffentlichung an diesem Donnerstag in Kraft tritt, heftig kritisiert. Sie definiert die Mindestmengen, von denen an der Besitz von Dopingmitteln unter Strafe steht. „Die Menge der Substanzen liegt fast immer über der, die die Guardia Civil bei der Hausdurchsuchung des Dopingarztes Dr. Fuentes gefunden hat“, sagte Franke am Mittwoch. „Man kann mit einem Warenlager herumreisen und bleibt straffrei. Das ist absurd.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die „Verordnung zur Festlegung der nicht geringen Menge von Dopingmitteln“ gehört zu der bereits im Juli vom Bundestag verabschiedeten Novelle des Arzneimittelgesetzes, in dem verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung von Doping im Sport veranlasst werden, darunter die Einschaltung des Bundeskriminalamtes.

          „Die gesetzliche Verschärfung ist dramatisch“

          Die Liste der Dopingmittel enthält auch alte, offiziell nicht mehr hergestellte und neue Mittel. Demnach ist der Besitz von Dehydrochlormethyltestosteron bis 450 mg legal. Das entspricht neunzig Pillen der in der DDR eingesetzten blauen Oral-Turinalbol, die heute nicht mehr hergestellt werden. Genannt werden auch Desoxymethyltestosteron, ein Designer-Steroid, das bisher lediglich beim kanadischen Zoll, nicht aber im Sport aufgefallen ist, sowie Tetrahydrogestrinon, das die Sprinter Marion Jones, Kelli White und Dwain Cambers als „The Clear“ aus dem amerikanischen Dopinglabor Balco bezogen. Die Substanzen sind entwickelt worden, um bei den standardisierten Dopingkontrollen des Sports nicht aufzufallen.

          Wilhelm Schänzer, Leiter des Dopingkontroll-Labors in Köln und Berater der Bundesregierung bei der Erstellung der Liste mit den drei Gruppen Anabole Wirkstoffe, Hormone und verwandte Verbindungen (Epo, Wachstumshormon, Kortison) sowie Antiestrogene (zur Bekämpfung von Nebenwirkungen von Anabolika-Doping), widerspricht Franke. „Die gesetzliche Verschärfung ist dramatisch“, sagt er. „Ein Freizeitsportler mit Riesenmengen Dopingsubstanzen hat jetzt ein richtiges Problem.“

          „Jemand, der nicht sehr krank ist, braucht nicht acht Epo-Spritzen“

          Es gehe nicht darum, Doping, also Selbstschädigung, mittels Besitzstrafbarkeit zu verbieten, sondern den Handel. Dafür sei für die Substanzen von der Verbotsliste der Welt-Antidopingagentur (Wada) das Äquivalent einer therapeutischen Monatsration als „geringe Menge“ angesetzt worden. Im Vergleich verbiete etwa das norwegische Antidopinggesetz den Besitz von Substanzen erst jenseits einer Jahresration, wie sie im Sport oder bei Bodybuilding eingesetzt werde, sagt Schänzer; die Grenze sei dadurch etwa dreißig Mal so hoch wie nun in Deutschland. Ursprünglich habe man auch in Deutschland von der Jahresration von Bodybuildern ausgehen wollen. Jedweden Besitz unter Strafe zu stellen, wie es Franke etwa bei nicht ärztlich verschriebenem Wachstumshormon fordert, sei nicht Wille des Gesetzgebers.

          Franke weist in seiner Kritik darauf hin, dass bei dem Dopingarzt Fuentes das Anabolikum Primobolan in einer Menge entsprechend 100 mg des Wirkstoffes Metenolon gefunden worden sei; in Deutschland ist erst der Besitz von mehr als 150 Milligramm strafbar. Auch erlaube das Gesetz den Besitz von acht Spritzen mit dem chinesischen Produkt Eposine; erst bei mehr sei der nun geltende Grenzwert von 24.000 Einheiten überschritten. „Jemand, der nicht sehr krank ist, braucht nicht acht Epo-Spritzen“, sagt Franke.

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