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Doping-Skandal in Russland : Die seltsamen Antworten des Präsidenten

Hält fest an Amt und Würden: Lamine Diack (links) mit Stabhochspringer Renaud Lavillenie Bild: Reuters

Erst eine Woche nach der ARD-Enthüllung zu Doping in Russland meldet sich der Präsident des Leichtathletik-Verbandes zu Wort. Doch was Lamine Diack zu sagen hat, klingt seltsam. Deutlichere Worte findet Robert Harting.

          Damit nicht der falsche Eindruck entsteht, weil man gar nichts gehört hat seit einer Woche: Die Leichtathletik ist nicht gelähmt vom Vorwurf des systematischen Dopings in Russland und seiner Vertuschung im Verbandssitz in Monaco, natürlich nicht. Stattdessen: „Ich habe auf die Fragen nicht geantwortet, weil ich nicht die Agenda 2020 des IOC mit Dopingproblemen verderben wollte“, behauptet nun jedenfalls Lamine Diack, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Eine Woche waren die Vorwurfe des ersten deutschen Fernsehens alt, eine Woche schon dauerte das beredte Schweigen der Sportwelt an, als der greise IAAF-Präsident am Mittwoch in einem Interview versprach, die Sache zu klären. „Lassen Sie mich die Situation regeln“, sagt er im Interview mit der Sport-Tageszeitung „L‘Équipe“. Diack verriet nicht, welche Maßnahmen er ergreife. Vielleicht, deutete er an, werde der russische Verbandspräsident Walentin Balachnitschew zurücktreten. Auf die Frage, ob er Verantwortung übernehmen und gehen wolle, erwiderte der Jurist aus Senegal: „Dies ist keine Frage. Auf solche Fragen antworte ich nicht.“

          Auf der Website des britischen „Guardian“ ist für kurze Zeit eine Meldung erschienen, nach der Diacks Sohn Papa Massata Diack vor der Abstimmung über die Vergabe der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2017 von Bewerber Doha fünf Millionen Dollar verlangt habe. Von Vater Diack wurde seinerzeit erwartet, sich zugunsten der qatarischen Bewerbungen um die Leichtathletik-WM und um die Olympischen Spiele für Terminverschiebungen einzusetzen. Die WM 2017 ging an London; Qatar hat in diesem November den Zuschlag für die Titelkämpfe 2019 erhalten. Ein Sprecher der IAAF sagte, Papa Massata Diack bestreite den Empfang einer solchen Zahlung und einer solchen Forderung im Namen der IAAF.

          Lamine Diack, 81 Jahre alt, sagt, sein Sohn sei mit fünfzig Jahre alt genug, sich selbst zu verteidigen, sobald er von einer China-Reise zurückgekehrt sei - im Gegensatz zu 1989, als ihn die Sportrechteagentur ISL mit 24 Jahren verpflichtete. Papa Massata Diack akquiriert mit seiner Agentur Sponsorverträge für die IAAF und nimmt dafür Provision. 1993 erhielt der damalige Vizepräsident Lamine Diack rund 44.000 Euro von ISL, während diese mit seinem Verband über Fernsehrechte verhandelte. Das Internationale Olympische Komitee IOC, dessen Mitglied er ist, verwarnte ihn dafür.

          Diack: „Ich weiß nicht, was sie tut“

          Vor einer Woche zeigte die ARD eine heimlich aufgenommene Filmsequenz, in der die 800-Meter-Olympiasiegerin Marija Sawinowa über ihre gute Erfahrung mit dem anabolen Steroid Oxandrolon (Oxandrin) spricht. Keine Sportorganisation hat bislang darauf reagiert. Der russische Verband verspricht einerseits, alle Vorwürfe zu untersuchen; sie betreffen Verbandstrainer, Verbandsarzt und den Leiter des beim IOC akkreditierten Doping-Kontrolllabors Moskau.

          Andererseits behauptet der russische Verbandspräsident Walentin Balachnitschew, bei den Behauptungen der ARD handele es sich um Lügen überführter Doper. Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), IOC und IAAF warten derweil ab, ob, wann und mit welchem Ergebnis die Ethik-Kommission der IAAF reagiert. „Das Verfahren der Kommission ist geheim, vertraulich“, sagt Diack. „Ich weiß nicht, was sie tut.“

          „Die sauberen Athleten sind für mich die neuen Doping-Opfer“: Robert Harting

          Wann sie zu einer Empfehlung kommt, ist nicht absehbar. Wie das bei den Sportlern ankommt, verdeutlichen die Aussagen von Diskus-Olympiasieger Robert Harting: „Die sauberen Athleten sind für mich die neuen Doping-Opfer.“ Er führt im Interview mit „Sport-Bild“ Geher André Höhne, Kugelstoßerin Nadine Kleinert und Hammerwerfer Markus Esser als Beispiele für Athleten an, die von Dopern ihrer Erfolge, Medaillen und Sponsoren beraubt wurden. Harting fordert, einen internationalen Anti-Doping-Fonds aufzulegen, in den alle Länder einzahlen müssen, die an Olympischen Spielen teilnehmen wollen.

          Dopingkontrolleure sollen nicht in ihren Heimatländern eingesetzt werden und visafrei reisen dürfen. Auch Sebastian Coe, der im Sommer Diack nachfolgen will, fordert, eine unabhängige Organisation für Dopingkontrollen in der Leichtathletik zu schaffen. Das Ansehen des Sports werde durch Doping-Fälle in einer kleinen Zahl von Ländern überproportional geschädigt, beklagt er.

          „Wenn es nach mir geht, könnten beim IAAF alle zurücktreten“, sagt Harting. „Dort vertraue ich gar keinem mehr. Die ganzen geldintensiven Disziplinen in der Leichtathletik sind mit Doping verseucht.“

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