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Kommentar : Erpresste Leichtathleten gesucht

Er soll von russischen Sportlern mehr als eine Million Euro erpresst haben: der ehemalige IAAF-Präsident Lamine Diack Bild: AP

Der Leichtathletik-Weltverband ruft Kronzeugen auf, sich zu melden. Aber nicht beim IAAF selbst, sondern bei zuständigen Einrichtungen ihrer Länder. Das ist absurd.

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          Muss man sich Sorgen machen um Doper, die von ihrem Verband erpresst worden sind? Die Weltorganisation der Leichtathleten, die IAAF, ruft insbesondere türkische und marokkanische Sportler auf, sich zu melden, wenn sie vom Hauptquartier der IAAF in Monte Carlo aus zur Zahlung von Schweigegeld gedrängt wurden. Dieser Appell, den die Website „Inside The Games“ verbreitet, deutet auf eine Weiterung des Kriminalfalles Lamine Diack hin. Jenes Mannes, der sechzehn Jahre lang Präsident der IAAF war. Er wird beschuldigt, in Komplizenschaft mit zweien seiner Söhne russische Sportler um mehr als eine Million Euro erpresst zu haben.

          Die türkische Doperin Asli Çakir Alptekin, Olympiasiegerin von London 2012, ließ die Diack-Bande abblitzen. Dafür wurde die 1500-Meter-Läuferin lebenslang gesperrt. Wohl nicht zu Unrecht, aber vermutlich auch, weil sie sich auf den Deal nicht einließ. Der mutmaßliche Erpresser Diack verstärkte seinen Druck, als er in seiner Rolle als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees bei einem Besuch in Istanbul 2013 die türkische Regierung zum Kampf gegen Doping aufrief; ansonsten sei die Bewerbung Istanbuls um die Olympischen Spiele aussichtslos.

          Nun liegt der Verdacht in der Luft, dass Istanbul 2020 bessere Aussichten gehabt hätte, wenn Frau Alptekin und der türkische Verband bei der Erpressung mitgespielt hätten. In dieser Situation ruft die IAAF einzelne Doper auf, sich zu melden? Da sei das Beispiel Julija Stepanowa vor. Die russische Läuferin, die mit Doping-Bekenntnis und -Beweisen die Leichtathletik ihres Landes aus dem olympischen Sport katapultiert hat, ist mit ihrer kleinen Familie vor den Autoritäten ihres Landes geflohen und wird, allein, verängstigt und ohne Arbeit in einem fremden Land, vom Sport schmählich im Stich gelassen. Und ihr sollen weitere Whistleblower folgen?

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          Man muss die Aufforderung des anonymen Sprechers der IAAF genau lesen: Nicht beim Weltverband sollen die Kronzeugen aus dem Milieu sich melden, sondern bei zuständigen Einrichtungen ihrer Länder. Das ist absurd. Statt bei der türkischen Polizei oder beim marokkanischen Verband wären diejenigen, die Abgründe im Sport kennen, bei unabhängigen Ermittlern an der richtigen Adresse – einer Einrichtung, wie sie Sonderermittler Günter Younger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefordert hat und wie sie der Chef-Aufklärer dieses Skandals, Richard Pound, am kommenden Donnerstag wiederholen dürfte, wenn er den zweiten Teil des Berichtes über Korruption in der Leichtathletik vorlegt. Dann auch wird man den Grund für die offenbar steigende Aufgeregtheit in Monte Carlo kennen.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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