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Doping-Skandal : Von Zufallstreffern und Blutschmuggel

Doping-Ermittlungen: 21 Athleten aus acht europäischen Ländern aus fünf verschiedenen Sportarten, darunter drei Wintersportarten. Bild: dpa

Staatsanwälte identifizieren 21 Kunden der Erfurter Doping-Zelle. Auch Triathleten sind dabei. Und sie entdecken ein System des Blutschmuggels im fremden Blutkreislauf.

          Durch die Eingangstür der Staatsanwaltschaft München I in der Linprunstraße 25 hindurch, zwei Mal rechts herum, an der Asservatenverwaltung vorbei und hereinspaziert in die Welt des spektakulärsten Doping-Netzwerks made in Germany, wenigstens seit die Radfahrer der Telekom ihre Ausflüge in die Freiburger Sportmedizin beenden mussten. Kai Gräber, Abteilungsleiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping, berichtete am Mittwoch über die Lage der Dinge nach den ersten Vernehmungen von Dr. med. Mark S., des mutmaßlichen Drahtziehers im Erfurter Doping-Netz.

          21 Sportler und Sportlerinnen aus acht europäischen Nationen seien inzwischen als Eigenblut-Doping-Kunden aus dem Zeitraum von Ende 2011 bis zu den Verhaftungen von Erfurt und Seefeld bei der Nordischen Ski-WM am 27. Februar identifiziert, zum größten Teil Männer. In fünf Sportarten seien sie aktiv, darunter zwei Sommersportarten. In einer „wohl dreistelligen“ Zahl von Fällen sei ihnen Blut entnommen und wieder zugeführt worden, sagte Gräber. Der Service sei quer über den Globus erfolgt: Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Finnland, Estland, Kroatien, Slowenien. Südkorea. Hawaii. Südkorea? Ja, bestätigte Gräber, auch die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang gehörten zum Portfolio. Hawaii? „Der Wettbewerb findet jährlich statt“, sagte Gräber. Die neben dem Radsport zweite betroffene Sommersportart dürfte damit der Triathlon sein. Die Wintersportarten neben dem Langlauf ließ Gräber offen.

          Waren deutsche Sportler Teil des Erfurter Zirkels?

          Neun Sportler sind als Kunden bekannt – drei estnische Langläufer und drei Österreicher, ein Kasache. Zwei österreichische Radprofis. Bleiben elf der Öffentlichkeit unbekannte. Waren deutsche Sportler Teil des Erfurter Zirkels? „Diese Frage möchte ich zum derzeitigen Zeitpunkt nicht beantworten“, sagte Gräber. Die Staatsanwaltschaft wartet offenkundig, ob sich der ein oder die andere rührt, bei der vagen Aussicht auf Strafmilderung durch Selbstanzeige. Eigentlicher Anlass der Münchner Pressekonferenz war das zehnjährige Bestehen der Schwerpunktstaatsanwaltschaft, dafür war auch Bayerns Justizminister Georg Eisenreich gekommen. Er forderte dringend eine Kronzeugenregelung und die Strafbarkeit versuchten Dopings.

          Am Montag war in Erfurt eine fünfte Person verhaftet worden, ein 38 Jahre alter Deutscher. Er sitzt derzeit in Suhl/Thüringen in Untersuchungshaft. Ihm wird zur Last gelegt, Blutbeutel transportiert und Blut entnommen und reinfundiert zu haben. Ohne medizinische Ausbildung, nicht als einziger in der Gruppe. Er habe das „Stechen nach dem Prinzip learning by doing gelernt“, sagte Gräber.

          Learning by doing schien ohnehin ein mehrfach gewählter modus operandi des Erfurter Zirkels gewesen zu sein. In wenigstens einem Fall musste ein Sportler als Versuchskaninchen herhalten, um ein Hämoglobinpulver zu testen, von dem weder Wirkung noch Nebenwirkungen bekannt gewesen seien. Ergebnis: Das Herz des Athleten habe gerast, mit doppelter Geschwindigkeit. Von einer weiteren Verwendung des Mittels sei daraufhin abgesehen worden. Ein Sportler sei während der Observationen aufgefallen, der nach einer Eigenblut-Behandlung „aus einem Objekt herauskam wie unter Betäubungsmitteln stehend. Das erste, was er gemacht hat: Beide Arme bis zu den Schultern in den Schnee gesteckt. Offensichtlich, weil der Kreislauf und die Temperatur zu hochgefahren waren und er kühlen musste.“

          Blutschmuggler im Kreislauf

          Es gab noch mehr Sportler, die auf Risiko gesetzt haben sollen. Athleten seien als „Eigenblut-Bodypacker“ zu den Winterspielen nach Südkorea, aber auch nach Hawaii geschickt worden. Vor dem Abflug wurde ihnen zusätzliches Blut in den Kreislauf geschickt: ein Liter. Gute Reise? „Man hat zwar Thrombose-Prophylaxe mit zugegeben, aber das ist sicher medizinisch nicht in Ordnung“, sagte Gräber. Nach der Landung sei das Blut wieder abgenommen worden. Zwei Mitarbeiter des Netzwerks sollen sich in Pyeongchang um die Kunden gekümmert haben.

          Stefan Matschiner, einst Radsportmanager und Doping-Organisator des österreichischen Radprofis Bernhard Kohl, hatte jüngst in der ARD gesagt, Blut-Doping sei die am wenigsten schlimme Art des Dopings. Laut Münchner Staatsanwaltschaft haben S. und seine Mitarbeiter viel dafür getan, dieses Märchen zu widerlegen. Matschiner spielte in der Entstehungsgeschichte des Erfurter Netzes eine erhebliche Rolle: S. und er kannten sich, schließlich war S. Mannschaftsarzt in Kohls Gerolsteiner-Team. Als Matschiner aufgeflogen war, die österreichischen Ermittler aber keine Handhabe hatten, seine Zentrifuge einzuziehen, so stellt es Gräber dar, kamen der Österreicher und der Thüringer Arzt ins Geschäft: Statt sie, wie angekündigt, „gemeinnützigen Zwecken“ zukommen zu lassen, verkaufte Matschiner sein Gerät an S. zusammen mit einer Tiefkühltruhe für 50.000 Euro. 2018 musste sich S. eine neue Zentrifuge beschaffen, auch diese wurde bei der Razzia am 27. Februar beschlagnahmt.

          Gräber zeigte Aufnahmen der Doping-Hardware, Tiefkühler, Auftau-Aggregate, den Verschlag, den sich S. in einer angemieteten Garage in Erfurt selbst gebaut hatte. Rund 100.000 Euro pro Saison, schätzte Gräber eher konservativ, habe S. so eingenommen. Je nach Intensität habe die Dienstleistung zwischen 4000 und 12.000 Euro je Saison und Sportler gekostet, in Einzelfällen möglicherweise auch mehr. Seine Helfer waren für einen Tagessatz von 200 Euro dabei, bei freier Kost und Logis.

          „Praktisch täglich haben sich neue Erkenntnisse ergeben“, sagte Gräber über die bisherigen Ermittlungen. Zum Beispiel derart, dass „auch andere Präparate eine Rolle gespielt haben“: Wachstumhormon und bislang nicht identifizierte Stoffe sollen weitergegeben worden sein. Allein der E-Mail-Austausch mit einem Sportler umfasse 1200 Seiten. Das Glück der Ermittler: Dass S. und sein Netzwerk offenkundig in einem Gefühl der Unangreifbarkeit handelten. Selbst nach Ausstrahlung der ARD-Dokumentation am 17. Januar, die zur Aufnahme der Ermittlungen geführt hatte, habe S., inzwischen von den Ermittlern überwacht, einem Bekannten gesagt, die Unterlagen des Protagonisten der Sendung, des Langläufers Johannes Dürr, habe er „geschreddert“; und ansonsten habe dieser im Fernsehen ja keine Namen genannt.

          Die Ermittler konnten ihr Glück kaum fassen: Vom ersten Tag der Observierung baute sich ihr Fall auf. Und doch, sagte Gräber in München, seien „längst nicht alle Kapitel geschrieben“. So wurde zum Beispiel Vater S., einst Thüringer Sportfunktionär und Rechtsanwalt, bislang nicht vernommen. Der Aufstieg des Dr. med. Mark S. in der Doping-Szene ist längst nicht ausgeleuchtet. „Ich bin an der ganzen Geschichte interessiert“, sagte Gräber. „Nicht nur an dem, was noch nicht verjährt ist.“

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