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Doping : Riss in der Kette

  • -Aktualisiert am

Bild: Zimmermann, Julia

Die Diskrepanz zwischen staatlichen und sportjuristischen Mitteln führt zu einer Dysbalance in Deutschlands Dopingbekämpfung - und frustriert die Fahnder.

          Mitten im Gespräch machte der Jurist eine Pause. Er holte tief Luft und ließ Dampf ab: „Natürlich wissen wir, dass es sich hier um eine Schweinebande handelt!" Eine Schweinebande? Es geht um eine Gruppe lizenzierter Sportler, Radfahrer, die nicht in der vordersten Reihe stehen, aber Geld bei ihren Wettkämpfen verdienen. Mit Betrug, wie man landläufig sagen würde, weil ihnen Doping zu unterstellen ist. Einem aus dieser „Schweinebande", Herrn K., flatterten jedenfalls die Nerven, als der Dopingkontrolleur schellte. In Panik rief K. seinen Teamchef an, Herrn F., einen mehrmals wegen Dopings Gesperrten. Dessen fachmännischer Ratschlag: Nicht aufmachen!

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Den Ablauf dieser Szene kann man nachlesen - im Protokoll einer Telefonüberwachung, die Teamchef F. galt. Der Wortlaut ist dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) bekannt. Auch deshalb hat die Anti-Doping-Kommission des Verbandes eine Bestrafung des Sportlers K. gefordert. Niemand glaubt ernsthaft, K. habe nur eine Phobie vor dem Dopingkontrolleur gehabt. Vielmehr trieb ihn die Sorge, über die Auswertung seiner Urinprobe als positiver Typ entlarvt zu werden. Doch so offensichtlich dieser Fall auch ist: Das Bundessportschiedsgericht (BSSG) des BDR stellte das Verfahren ein.

          Die Begründung klingt unglaublich, aber sie ist nicht willkürlich: Überwachungsprotokolle zu Lasten Dritter reichen dem BSSG nicht aus. Ohne die Befragung des Beamten, der zugehört und aufgezeichnet hat, taugt das Papier nichts. Der Polizist aber durfte nicht aussagen. Sein zuständiges Innenministerium untersagte den Auftritt beim BDR mit dem Hinweis, das BSSG sei kein ordentliches Gericht.

          Nein, Sportler K. hat kein unverschämtes Glück gehabt. Er profitierte wie andere Doper in dieser Republik allein schon wegen der mangelhaften Verbindung zwischen Staat und Sport. Zwar fangen Staatsanwälte hin und wieder große Dealer oder bestrafen Ärzte wegen der Verabreichung von Dopingmitteln und der Anwendung im Sport verbotener Methoden. Deren hochverdächtige Kunden aber laufen, gleiten, fahren und siegen häufig munter weiter. So könnte es auch in Erfurt ablaufen. Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft seit fast einem Jahr gegen den Mediziner F., der wenigstens 30 Sportlern am Olympiastützpunkt Blut abnahm, mit UV-Licht bestrahlen ließ und wieder infundierte. Seit dem 1. Januar 2011 gilt diese Methode ohne jeden Zweifel als Doping.

          Mediziner als Verdächtige - Sportler als Zeugen

          Vorher gewährte der Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur Ärzten möglicherweise einen kleinen Spielraum. Bei Kranken soll das schon zu DDR-Zeiten für eine vermutete Leistungssteigerung eingesetzte Verfahren erlaubt gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Erfurt glaubt nicht daran. Sie verfolgt zunächst Fälle aus den vergangenen beiden Jahren und wird dazu zehn Sportler vernehmen. Mehr aber nicht.

          Da nach dem Arzneimittelgesetz (AMG) nur die Weitergabe von Dopingmitteln, die Anwendung bestimmter Methoden bei Dritten und der Besitz nicht geringer Mengen bestimmter Substanzen strafwürdig ist, gelten die Kunden von Mediziner F. als Zeugen. „Es wird nicht gegen Sportler ermittelt", teilte die Erfurter Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit, „nur gegen den Arzt." Dass dessen Blutspur zu gedopten Athleten führen könnte, interessiert die Staatsanwaltschaft nicht.

          Vorwürfe an die Dopingverfolger

          An dieser Stelle soll der organisierte Sport übernehmen. So haben sich das die Funktionäre gewünscht und durchgesetzt in der hohen Politik. Nämlich eine klare Aufteilung: Der Staatsanwalt fängt die Verbrecher, der Sport kümmert sich um seine Sünder. Sportler, so wünscht es sich der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, dürfen nicht „kriminalisiert" werden.

          Die eigenen Familienmitglieder vor ein Sportgericht stellen und im Falle einer Verurteilung an den Pranger stellen? Das Saubermachen lag und liegt nicht im Interesse der Sportverbände. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) aber existiert nur zu diesem Zweck. Sie hat bislang gegen zwei Athleten aus der Erfurt-Gruppe ein Disziplinarverfahren wegen Dopings eingeleitet. Demnach turnen aber 28 vorerst frei von jeglicher Verdächtigung durch die Welt.

          Dieses Missverhältnis brachte der Nada nun wiederholt den Vorwurf ein, nicht sonderlich an einer Aufklärung interessiert zu sein. Logisch klingt das aber nicht. Denn erst eine Anzeige der Nada brachte die Staatsanwaltschaft auf Trab. Akteneinsicht wurde zwar im vergangenen Juni auf mehr oder weniger informellem Weg gewährt und darüber hinaus der Kontakt gepflegt.

          Inzwischen aber muss die Nada eine Kanzlei zwischenschalten, wenn sie den Stand der laufenden Ergebnisse erfahren will. „Dass wir desinteressiert sein sollen, stimmt nicht", sagt Lars Mortsiefer, Chefjurist der Nada, „im Gegenteil. Es ist nur von außen nicht so leicht zu erkennen, dass wir taktisch vorgehen müssen."

          Der Nada fehlt die Finanzkraft

          Der Nada bietet sich nicht der Spielraum, im großen Stil zuschlagen zu können. Angesichts der vergleichsweise geringen Unterstützung durch Staat, Wirtschaft und Sport fehlt ihr dazu die Finanzkraft. Zwar betreibt sie inzwischen unter anderem im Auftrag und auf Rechnung des Bundes Deutscher Radfahrer das sportjuristische Management im Falle eines Dopingverdachtes. Von der Fahndung über die Ermittlungen bis hin zur Anklage. Sie übernimmt aber mitunter auch das Risiko der Prozesskosten. Würde die Nada in den 30 von der Staatsanwaltschaft genannten Fällen rund um den Erfurter Mediziner F. gleichzeitig das volle Programm fahren, dann stünde bei einer Niederlage vor dem Deutschen Sport-Schiedsgericht (DIS) wohl die Existenz der Institution auf dem Spiel.

          Die beiden Disziplinarverfahren gegen eine Eisschnellläuferin und einen Radfahrer sind also Testballons. Urteilt das angerufene Deutsche Sport-Schiedsgericht im Sinne der Anti-Doping-Agentur, dann werden sich die Bonner weiter vorwagen.

          In einer anderen Doping-Affäre haben sie das längst getan. Und stießen dabei auf den nächsten kuriosen Fall der real existierenden Dysbalance in Deutschlands Dopingfahndung: Der Mediziner S. akzeptierte 2008, nach rund zwei Jahren Ermittlungsarbeit, einen Strafbefehl über 39 000 Euro wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Mit Hilfe eines Zeugen hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg das Gericht von der Schaffenskraft des Arztes überzeugt: Der „verabreichte" und „injizierte" demnach Dopingmittel. An wen? Auch das steht in den Akten. Drei professionelle Radsportler sollen zu den Nutznießern gehört haben. Einer wurde kurz nach der - von der Staatsanwaltschaft später festgestellten - Dopingmittel-Vergabe deutscher Meister. Er gewinnt bis heute Rennen.

          Tankbon als Unschuldsbeleg

          Die mitunter fünf Jahre alten Unterlagen dieser Affäre wären verstaubt, hätte die Nada nicht über eine private Initiative davon Wind bekommen, reagiert und schließlich Akteneinsicht erhalten. Sie drängte daraufhin den Bund Deutscher Radfahrer, Verfahren gegen die Sportler zu eröffnen. Der ermittelte seit dem späten Sommer 2010. Auch in diesen Fällen forderte dessen Anti-Doping-Kommission eine Bestrafung. Trotzdem stellte das Bundessportschiedsgericht die Verfahren Anfang Januar 2012 ein. Das bestätigte der BDR dieser Zeitung. In einem Fall reichte angeblich eine Tankquittung als Beleg für ausreichende Zweifel. Der Kassenbon soll beweisen, dass sich der befragte Radfahrer am Tag der Mittelvergabe an einem anderen Ort befunden hat.

          Entscheidend aber war wieder eine Diskrepanz zwischen staatlichen und sportjuristischen Mitteln: Der Hauptbelastungszeuge der Staatsanwaltschaft weigerte sich, dem BDR zur Verfügung zu stehen. Eine schriftliche Anfrage hat er nie beantwortet. Wieder reichten allein die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft dem BDR nicht aus. Die Athleten gelten nun weiterhin als unschuldig. Die Nada will das in zwei der drei Fälle nicht akzeptieren. „Wir haben in der vergangenen Woche reagiert", sagt Nada-Vorstandsmitglied Mortsiefer. Er hat beim Deutschen Schiedsgericht Klage gegen die Urteile des BDR angemeldet. Dort wird nun geklärt, ob die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft nicht doch reichen, schwer verdächtige Athleten zur Rechenschaft zu ziehen.

          „Verbrüderung“ der „Schweinebanden“

          Vorab lässt sich schon ein Urteil fällen: Der Frust bei deutschen Doping-Fahndern wächst mit fast jedem Fall. Das belegt auch der Rückzug von angesehenen Experten in den vergangenen Jahren aus der deutschen Anti-Doping-Gemeinschaft. Die gesetzliche Grundlage für Staatsanwälte, auch den Betrügern aus dem Sport das Handwerk zu legen, halten sie für unzureichend.

          Deshalb plädiert die bayerische Justizministerin Beate Merk seit drei Jahren dafür, den Straftatbestand Sportbetrug einzuführen. Insider erhoffen sich davon, „Schweinebanden", die eine „Verbrüderung" an den Tag legen, wenn es zur Sache geht, leichter aushebeln zu können. „Wir haben das doch erlebt", sagt ein Ermittler über seine Erfahrung mit der Befragung von Sportlern als Zeugen in eindeutigen Dopingfällen: „Plötzlich haben alle große Erinnerungslücken. Das war es dann."

          Robert Deller, Oberstaatsanwalt in Aachen, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Er erinnert sich an einen Fall aus den neunziger Jahren, „in dem es deutliche Hinweise auf Dopingvergehen von zahlreichen involvierten Radsportlern gab". Auch sie konnten im Rahmen der Ermittlungen lediglich als Zeugen vernommen werden. Keiner wurde rechtlich belangt. Deller ist sicher, dass er bei einer anderen Gesetzeslage zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre. „Grundsätzlich ist die Situation heute nicht entscheidend besser als zum Zeitpunkt der damaligen Ermittlungen", sagt Deller mit Blick auf die Novellierungen des Arzneimittelgesetzes: „Wenn man Doping ernsthaft bekämpfen will, gehören entsprechende Vorgaben in das Strafrecht."

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