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Doping : Riss in der Kette

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Vorwürfe an die Dopingverfolger

An dieser Stelle soll der organisierte Sport übernehmen. So haben sich das die Funktionäre gewünscht und durchgesetzt in der hohen Politik. Nämlich eine klare Aufteilung: Der Staatsanwalt fängt die Verbrecher, der Sport kümmert sich um seine Sünder. Sportler, so wünscht es sich der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, dürfen nicht „kriminalisiert" werden.

Die eigenen Familienmitglieder vor ein Sportgericht stellen und im Falle einer Verurteilung an den Pranger stellen? Das Saubermachen lag und liegt nicht im Interesse der Sportverbände. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) aber existiert nur zu diesem Zweck. Sie hat bislang gegen zwei Athleten aus der Erfurt-Gruppe ein Disziplinarverfahren wegen Dopings eingeleitet. Demnach turnen aber 28 vorerst frei von jeglicher Verdächtigung durch die Welt.

Dieses Missverhältnis brachte der Nada nun wiederholt den Vorwurf ein, nicht sonderlich an einer Aufklärung interessiert zu sein. Logisch klingt das aber nicht. Denn erst eine Anzeige der Nada brachte die Staatsanwaltschaft auf Trab. Akteneinsicht wurde zwar im vergangenen Juni auf mehr oder weniger informellem Weg gewährt und darüber hinaus der Kontakt gepflegt.

Inzwischen aber muss die Nada eine Kanzlei zwischenschalten, wenn sie den Stand der laufenden Ergebnisse erfahren will. „Dass wir desinteressiert sein sollen, stimmt nicht", sagt Lars Mortsiefer, Chefjurist der Nada, „im Gegenteil. Es ist nur von außen nicht so leicht zu erkennen, dass wir taktisch vorgehen müssen."

Der Nada fehlt die Finanzkraft

Der Nada bietet sich nicht der Spielraum, im großen Stil zuschlagen zu können. Angesichts der vergleichsweise geringen Unterstützung durch Staat, Wirtschaft und Sport fehlt ihr dazu die Finanzkraft. Zwar betreibt sie inzwischen unter anderem im Auftrag und auf Rechnung des Bundes Deutscher Radfahrer das sportjuristische Management im Falle eines Dopingverdachtes. Von der Fahndung über die Ermittlungen bis hin zur Anklage. Sie übernimmt aber mitunter auch das Risiko der Prozesskosten. Würde die Nada in den 30 von der Staatsanwaltschaft genannten Fällen rund um den Erfurter Mediziner F. gleichzeitig das volle Programm fahren, dann stünde bei einer Niederlage vor dem Deutschen Sport-Schiedsgericht (DIS) wohl die Existenz der Institution auf dem Spiel.

Die beiden Disziplinarverfahren gegen eine Eisschnellläuferin und einen Radfahrer sind also Testballons. Urteilt das angerufene Deutsche Sport-Schiedsgericht im Sinne der Anti-Doping-Agentur, dann werden sich die Bonner weiter vorwagen.

In einer anderen Doping-Affäre haben sie das längst getan. Und stießen dabei auf den nächsten kuriosen Fall der real existierenden Dysbalance in Deutschlands Dopingfahndung: Der Mediziner S. akzeptierte 2008, nach rund zwei Jahren Ermittlungsarbeit, einen Strafbefehl über 39 000 Euro wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Mit Hilfe eines Zeugen hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg das Gericht von der Schaffenskraft des Arztes überzeugt: Der „verabreichte" und „injizierte" demnach Dopingmittel. An wen? Auch das steht in den Akten. Drei professionelle Radsportler sollen zu den Nutznießern gehört haben. Einer wurde kurz nach der - von der Staatsanwaltschaft später festgestellten - Dopingmittel-Vergabe deutscher Meister. Er gewinnt bis heute Rennen.

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