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Doping-Prozess : Ein Fachmann in der Ecke

  • -Aktualisiert am

Radprofi Schumacher: Teamarzt Jakob will nichts von Doping gewusst haben Bild: dapd

Beim Schumacher-Prozess in Stuttgart werden Gerolsteiner-Arzt Jakob Fragen zu Doping jetzt und einst lästig. Er will zu seiner Zeit bei Gerolsteiner „nie“ Dopingmittel verabreicht haben.

          Der erste Arzt will nur Vitamine gespritzt haben, wenn ein Radprofi Dopingmittel wollte, der zweite Mediziner wirkte, so seine Aussage, als Anti-Doping-Prediger im Rad-Rennstall. Was wird wohl der dritte an diesem Mittwoch beim Prozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher zu Protokoll geben? Es steht zu vermuten, dass die Erläuterungen zum Wissen der Doktoren über Doping beim früheren Team Gerolsteiner weiteres Erstaunen hervorrufen werden, wie am Dienstag, dem zwölften Verhandlungstag.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Da stand Dr. Ernst Jakob - als Zeuge - im Saal 1 des Landgerichtes Stuttgart. Die 16. Strafkammer will herausfinden, ob Schumacher seinen Teamchef Hans-Michael Holczer betrogen hat, indem er 2008 während der Tour de France etwa mit dem Blut-Doping-Mittel Cera manipulierte, obwohl man sich vertraglich auf Sauberkeit geeinigt hatte. Rund 150.000 Euro Gehalt fordert Holczer zurück. Schumacher verweigert sich, weil von Betrug keine Rede sein könne: Die Teamführung habe es doch gewusst. Also auch der „übergeordnete“ Arzt Dr Jakob?

          Nein, sagte der in einer rund dreistündigen Befragung. Jakob, in heller Hose mit hellblauem Hemd nach Stuttgart gereist, sprach leise, mit ruhigem Ton. Er will zu seiner Zeit bei Gerolsteiner „nie“ Dopingmittel verabreicht haben, er will die Fahrer nie beraten haben in Dopingfragen, er will nie den Eindruck hinterlassen haben, er würde es augenzwinkernd oder stillschweigend dulden, er will niemals absichtlich Atteste für den Gebrauch von Kortison ohne Indikation ausgestellt haben, wie dies Schumacher und der Zeuge David Kopp, einst Teamkollege, behauptet hatten. In einem Fall vor der WM 2007 habe er sich auf die Angaben der Ärzte an der Rennstrecke verlassen. Das Attest kam aus Deutschland, per Fax. Jakob, so seine Darstellung, wollte Doping verhindern, im Sinne der Teamführung, er habe „Haltung“ gezeigt: „Ich habe es als Aufgabe aller Ärzte angesehen, entsprechend zu handeln, ich kenn’ das gar nicht anders, ich bin nicht das erst Mal in der Betreuung des Hochleistungssports gewesen, ich war lange im Nordischen Skisport tätig.“ Und im Ärztestab der Radsportteams Bianchi sowie Coast. Jakob kennt sich aus im internationalen Sport. Und so, wie er sprach über die medizinische Betreuung von Spitzensportlern, musste man den Eindruck gewinnen: Da sitzt ein freundlicher, den Athleten zugewandter Fachmann.

          Als er nach gut fünf Stunden den Saal wieder verließ, war aber nicht mehr erkennbar, ob sich Jakob nun noch als Zeuge oder schon als Angeklagter fühlte. Er hatte den Fragenmarathon zwar pariert, hatte die Vorwürfe von Schumacher und Kopp mehr oder weniger deutlich abgestritten. Aber sein Ton war zum Ende leiser geworden. Just nachdem sein Rechtsanwalt Volkmar Mehle von der angesehenen Bonner Kanzlei Eimer Heuschmid Mehle den Mandanten durch die Befragung der Kammer „in eine Ecke“ gedrängt sah. In die Ecke des Mitwissers und Beraters vielleicht.

          Die alten Geschichten verfolgen Jakob

          Er empfahl ihm, von seinem Aussage-Verweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Weil die Staatsanwaltschaft Freiburg wegen des Verdachtes eines Verstoßes gegen das Arzneimittel-Gesetz in Zusammenhang mit Doping im Team Gerolsteiner ein Ermittlungsverfahren eröffnet hat. Auch der Staatsanwalt zeigte „Verständnis“ für die angedrohte Verweigerung des Zeugen, die Vernehmung fortzusetzen. Man einigte sich auf eine Einzelprüfung jeder weiteren Frage, auch der Verteidigung. Die mühte sich und erntete viele Absagen. So ließ Jakob unter anderem offen, ob er von der Dopingvergangenheit der früheren Kollegen in Freiburg gewusst hat. Das scheint Jakob lästig, zumal er in diesen Tagen an alte Zeiten erinnert wird: Als er wesentlich an der Entstehung der multizentralen, steuerfinanzierten Testosteron-Studie in Freiburg, Paderborn und Saarbrücken mitwirkte. Damals veröffentlichten er und sein Chef Joseph Keul ihre Erkenntnis, das bis heute verbotene Testosteron bringe nichts für die Verkürzung der Regeneration und die Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit. Obwohl der Kollege Professor Heinz Liesen in Paderborn, wie er dieser Zeitung sagte, andere Resultate zu bieten hatte, wie auch der Doktorand Fuchs in seiner Promotionsarbeit - in Freiburg. Selbst Keul traute seinem eigenen Befund nicht. Er riet in dieser Zeit wenigstens einem Athleten, Testosteron zu nehmen, um die Anabolika-Absetzung wegen der Entdeckungsgefahr kurz vor dem Wettkampf zu überbrücken.

          Diese alten Geschichten verfolgen Jakob, wie er sagte. Weil er am Dienstagnachmittag weitgehend schwieg, wird er auch von den jüngeren so schnell nicht befreit. Am 19. August soll er wieder aussagen, falls seine Verweigerung unbegründet gewesen sein sollte. Dann steht die Antwort auf eine der letzten Fragen des Tages an, die der bass erstaunte Stefan Schumacher seinem ehemaligen Arzt stellte: „Sie hatten keine Hinweise, dass ich mit Doping zu tun hatte? Wir haben uns vor der WM 2007, als ich im Trainingslager war, über Doping unterhalten, über Epo-Arten, über Nachweisbarkeit und Nichtnachweisbarkeit. Ich war offen, was meine Pläne waren. Ich verstehe nicht, warum sie sagen, sie hätten keine Ahnung davon.“

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