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Rainer Seele (rse.)

Doping-Kommentar : Wer glaubt noch einem Radprofi?

  • -Aktualisiert am

Jan Ullrich (rechts) und Erik Zabel bei der Tour de France 2000 Bild: dpa

Ullrich, Zabel, Pantani und andere Fahrer waren bei der Tour 1998 mit Epo gedopt. Auch wenn die Untersuchungen in Frankreich keine neuen brisanten Ergebnisse bergen, sind sie doch fatal für den Radsport, nicht zuletzt für die deutsche Szene.

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          Die Entrüstung über die jüngsten Doping-Enthüllungen, den Radsport und die Tour de France betreffend, hält sich naturgemäß in Grenzen. Schließlich war längst offensichtlich, dass der Doping-Skandal bei der Tour 1998 weit über das Team Festina hinausreichen würde. Trotz des hartnäckigen Leugnens von damaligen Protagonisten wie Jan Ullrich.

          Es war gewiss ein „verseuchtes Jahr“ - so wie Manipulationen im Radsport schon vorher weit verbreitet waren, wie auch später in großem Stil illegale Beschleuniger eingesetzt wurden, bis heute sicherlich. Obwohl doch allgemein in der Branche behauptet wird, dass der Sport sauberer geworden sei, dass eine neue, vertrauenswürdige Generation herangereift sei. Und obwohl im Zusammenhang mit der Tour 2013 noch kein einziger Doping-Fall bekanntgeworden ist.

          Aber vielleicht kommt das ja noch, vielleicht auch erst in 15 Jahren, durch die Arbeit von Institutionen, die beharrlich gegen Missstände vorgehen. Wie es jetzt die Anti-Doping-Kommission des französischen Senats getan hat, deren späte und für die Betroffenen rechtlich nicht mehr relevanten Recherchen nicht nur den Radsport berühren. Und doch trafen die Fahnder mit ihrem Doping-Report vor allem die Tour, ein französisches Nationalheiligtum. Ohne Zweifel ein mutiges Vorgehen, das erst durch eine sozialistische Regierung ermöglicht worden sein könnte.

          Auch wenn die Untersuchungen in Frankreich keine neuen brisanten Ergebnisse bergen, sind sie doch fatal für den Radsport, nicht zuletzt für die deutsche Szene. Zum einen wird Ullrich, der Tour-Sieger von 1997, weiter - ganz offiziell - desavouiert. Und es stellt sich die Frage, ob der Rostocker, der bisher allein Blutbehandlungen bei dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes zugegeben hat, tatsächlich geeignet scheint, als Galionsfigur für Jedermänner aufzutreten. Oder gar als jemand, der gerne Kinder an den Radsport heranführen möchte.

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          Doping-Pressestimmen : „1998: Tour de Epo“

          Und Erik Zabel, der ebenfalls seine Karriere, eigentlich sein Leben, über die Tour definierte, scheint nun als ein Mann entlarvt worden zu sein, der selbst bei einem Geständnis unter Tränen noch log. Doping? Ja, doch. Aber nur einziges Mal, 1996. Weil Epo ihm auf den Magen schlug. Danach nie wieder. So hatte der Sprinter Zabel sich, ähnlich wie sein Kollege Rolf Aldag, bei seiner vermeintlichen Beichte geäußert. Und auch später hielt er an dieser Version fest.

          Zabel antwortete kürzlich erst auf die Frage, ob er demzufolge die Tour einmal gedopt und dreizehnmal ungedopt bestritten habe, mit Ja. Zögerlich allerdings und ohne seinen Gesprächspartner anzuschauen. Mit seinem Verhalten dürfte Zabel auch junge Rennfahrer wie Marcel Kittel weiter in Bedrängnis gebracht haben. Es fällt ohnehin nicht leicht, angesichts der andauernden Verwerfungen in ihrem Metier, den Beteuerungen zu glauben, dass sie der reinen Lehre des Radsports folgen würden. Durch Schauspielereien à la Zabel wird der Kredit für den Radsport, sofern er überhaupt vorhanden ist, noch kleiner.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

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