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Doping-Kommentar : Plötzlich aufgewacht

Weil Doping durch Netzwerke zwischen Sportlern, Medizinern, Funktionären und bewusst desinteressierten Politikern möglich gemacht wird, braucht Deutschland endlich einen Tatbestand Sportbetrug.

          Es ist ja nie zu spät im Leben, das lernt jedes ungezogene Kind und jeder Politiker sowieso. Plötzlich ist also mancher hochgeschreckt, als habe der Wecker geklingelt. Und verglichen mit dem kenianischen Anwalt, der am Wochenende Schlagzeilen machte, weil er den Prozess gegen Jesus Christus wieder aufrollen lassen will, ist Horst Seehofer sogar richtig früh dran.

          Denn kaum rief die Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute (...)“ in Erinnerung, wie sehr das Doping den Sport in der Bundesrepublik auch vor der Wiedervereinigung von der Forschung bis in den Wettkampf durchdrungen hat, tat Seehofer Sympathie für die Position seiner Justizministerin Beate Merk kund. Einen Straftatbestand Doping? Aber ja doch, wenn die verdorbenen Sitten bei Medizinern, Trainern und Sportlern es verlangen. Merk vertritt diese Position übrigens seit Jahren, Seehofers Interesse am Thema aber ist neu. Die CSU entdeckt das Doping - ob es am langsam beginnenden Wahlkampf liegt?

          Immerhin hatte Parteifreund und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich schon vor einigen Wochen im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erkennen lassen, dass der Tatbestand Sportbetrug doch noch ein politisches Thema werden könnte. Etwa wenn das Strafverfahren wegen Betrugs gegen den Radprofi Stefan Schumacher vor dem Stuttgarter Landgericht mit einem Freispruch enden sollte.

          Deutschland braucht einen Tatbestand Sportbetrug

          Das ist ganz und gar nicht ausgeschlossen, angesichts des Eindrucks, den der frühere Teamchef Hans-Michael Holczer und seine Angestellten seit Wochen in der Beweisaufnahme abgeben. Sie behaupten, von Schumachers Doping nichts gewusst zu haben, und zeichnen so ein ähnliches Bild wie jüngst Erik Zabel. Der hatte bei der Konkurrenz vom Team Telekom seiner eigenen Erinnerung zufolge ja ebenfalls mehr oder weniger in Eigenregie gedopt, was für seine Vertrauten wie den BDR-Präsidenten Rudolf Scharping natürlich praktisch ist, aber so gar nicht zu den nun wieder einmal im Licht der Öffentlichkeit stehenden, über die Jahrzehnte gewachsenen Doping-Strukturen passt.

          Eben weil Doping durch klandestine Netzwerke zwischen Sportlern, Medizinern, Funktionären und bewusst desinteressierten Politikern möglich gemacht wird, braucht Deutschland endlich einen Tatbestand Sportbetrug. Jahrelang wollte die Berliner Regierungskoalition davon nichts wissen, jetzt scheint sie den Kurs zu wechseln. Nach der Bundestagswahl wäre eine gute Gelegenheit, den Worten Taten folgen zu lassen. Die Erfahrung lässt befürchten, dass es bei den Worten bleibt.

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