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Doping leicht gemacht : Nichts gegen Betrug

Ihre Enthüllungen haben Einblicke in das russische Doping-System geliefert: Julija Stepanowa (Mitte) Bild: dpa

Die Doping-Enthüllungen zeichnen ein düsteres Bild des russischen Spitzensports – und des globalen Anti-Doping-Kampfes. Solange die Strippenzieher im Hintergrund wirken, wird sich daran nichts ändern.

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          Laufen, werfen, springen. Schlucken. Und spritzen. Leichtathletik ist wenigstens ein Dreikampf, wenigstens in Russland. Das ist das Bild, das aus der Beschreibung der 800-Meter-Läuferin Julija Stepanowa entsteht. Ohne „unterstützende Mittel“ geht nichts, gar nichts. Der Rückgriff auf den Jargon in der DDR ist durchaus angebracht, denn Trainer aus Sowjetzeiten regieren die russische Leichtathletik und nicht nur diesen Sport.

          Die Sport-Supermacht Russland vertraut den alten Kadern und ihren Methoden. Sportler, die ihnen nicht vertrauen, haben keine Chance. Das System funktioniert, es bezahlt seine Sportler gut – und ist gegen Verrat trotzdem nicht gefeit. Denn aus Sicht der Funktionäre hat Julija Stepanowa das System verraten. Sie wurde gesperrt, obwohl ihr die Trainer und Ärzte versprochen hatten, sie würde geschützt werden. Weil auch sie sich verraten fühlt vom System, das seine Trainer und Ärzte schützt, packte sie aus gegenüber der Wada, der Welt-Anti-Doping-Agentur.

          Das war Anfang 2013, vor beinahe zwei Jahren. Würde das weltweite Anti-Doping-System, das sich der Sport verordnet hat, gut funktionieren, dann wäre längst aufgeräumt worden mit den russischen Sportsfreunden. Aber Trainer, Ärzte, Funktionäre, vielleicht auch russische Verbände sperren? Das hätte mächtig Ärger gegeben, ein Jahr vor Wladimir Putins großer olympischer Show in Sotschi.

          Das hätte gezeigt, dass es der Sport ernst meint mit den Begriffen, die stets fallen, wenn es Funktionären darum geht, dem eigenen Tun Sinnstiftendes mit auf den Weg zu geben. Fairplay ist so ein Wort und Gerechtigkeit. Stattdessen passierte – nein, nicht nichts. Russische Sportler wurden gesperrt, reihenweise. Allein 68 Leichtathleten sitzen im Moment Sperren ab, Julija Stepanowa ist unter ihnen.

          Ein System, das die Russen nicht exklusiv haben

          Aber die Strippenzieher im Hintergrund bleiben, das System spuckte einfach ein paar Dutzend Sünder aus. Und im Fall der Fälle, so erzählt es die russische Marathonläuferin Lilija Schobuchowa, konnte man es immer noch mit Schmiergeldern versuchen, etwa bei Cheftrainer Alexeij Melnikow und Walentin Balachnitschew, dem Schatzmeister des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF. Balachnitschew bestreitet alle Vorwürfe, legte vergangene Woche den widerwilligsten Rücktritt des Jahres hin (bis die Vorwürfe sich in Luft auflösen, wohlgemerkt) – und bleibt Präsident des russischen Leichtathletikverbandes. Und Melnikow? Trainiert weiter, keine Frage.

          Derweil kündigen die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) sowie die IAAF seit der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation vor 14 Tagen knallharte Untersuchungen an. Am Dienstag war es so weit: Die Wada verkündete die Bildung einer Kommission, die alle Vorwürfe untersuchen soll. Nach allem, was die Kronzeugin berichtet und belegt, bleibt nur diese Schlussfolgerung übrig: Entweder sind IAAF und Wada bewusst desinteressiert an Aufklärung oder heillos überfordert. Beides stützt ein Betrugssystem, das die Russen sicher nicht exklusiv besitzen.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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