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Doping-Kommentar : Kein Anschluss unter dieser Nummer

Die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins Inse Geipel: Sie möchten die Befristung des Zweiten Dopingopfer-Hilfegesetzes aufheben. Bild: dpa

Das Dopingopfer-Hilfegesetz regelt die Entschädigung der Opfer – doch der Antrag bringt viele Probleme mit sich. Nun läuft die Frist ab. Höchste Zeit für den Sport, den Doping-Opfern endlich zu helfen.

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          Trittbrettfahrer habe sie erwartet, verrät Ines Geipel, als der zweite Fonds für Doping-Opfer des DDR-Sports in Höhe von zehneinhalb Millionen Euro aufgelegt wurde; Schlaumeier, die simulieren, um ein paar Euro abzugreifen. Ein Vierteljahr vor Ablauf der zweijährigen Frist für die Anerkennung Geschädigter wäre die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins (DOH) vermutlich froh, wenn es so gekommen wäre.

          Denn die Probleme, mit denen Sport und Staat sie alleinlassen, sind viel größer. Aus den 19 Nebenklägerinnen des Prozesses gegen die Chef-Doper Manfred Ewald und Manfred Höppner wurden 194 anerkannte Doping-Opfer, die der erste Fonds entschädigte. Den zweiten Fonds hat der Gesetzgeber schon für tausend aufgelegt, während sie beim DOH fünftausend Doping-Opfer kommen sahen.

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          Und nun scheitern viele schwer Blessierte daran, die für den Antrag unerlässliche Erklärung beizubringen, dass ihre Schäden – von Bandscheibenvorfall über Tumore bis zu schwersten Traumata – mit zumindest fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit vom Doping in ihrer Kindheit und Jugend verursacht ist. Da gibt es Ärzte, die beim Wort Gutachten einige tausend Euro Honorar aufrufen.

          Da gibt es andere, die ihren Patienten rüde vorwerfen, sie wollten nichts anderes, als „unsere DDR“ in den Dreck ziehen. Und da gibt es Patienten, die sich hilfesuchend ausgerechnet an jene Mediziner wenden müssen, die ihnen früher Tabletten und Spritzen verabreicht haben, deren Wirkung sie jetzt chronisch krank macht. Viele von ihnen fliegen achtkantig aus der Praxis.

          Allein diese Erfahrungen sollten Parlament und Regierung dazu veranlassen, die Frist zu verlängern, die laut Gesetz in einem Vierteljahr abläuft. Zudem wächst die Zahl der Doping-Opfer weiter. In den siebzehn Jahren seit der Verurteilung Ewalds wegen seiner Verantwortung für das systematische Doping Abertausender DDR-Athleten ist vielen Betroffenen erst langsam und manchen noch gar nicht klargeworden, dass ihre Beschwerden von heute mit dem Missbrauch von gestern zusammenhängen.

          Doch längst wächst die zweite Generation heran: Bislang 130 Kinder von Gedopten sind offiziell als Opfer anerkannt. Das sind längst noch nicht alle, die von Geburt an doping-geschädigt sind. Ehemalige Sportlerinnen und Sportler melden sich, die nach dem Ende der DDR im Sport der deutschen Einheit gedopt wurden. Und dann tickt auch im Westen die Zeitbombe eines Dopings, für dessen Folgen sich Betroffene und Geschädigte viel zu häufig selbst verantwortlich fühlen – und schweigen.

          Doping-Folgen sind längst ein Problem der Gesellschaft geworden. Rat und Tat fanden diejenigen, deren Hoffnungen in den olympischen Sportarten schändlich verraten wurden, trotzdem allein bei der Doping-Hilfe in Berlin. Doch deren Telefonservice unter dem Dach der Robert-Havemann-Gesellschaft ist nur noch vier Wochen erreichbar. Da das Archiv der DDR-Opposition auszieht, stehen die Doping-Opfer auf der Straße. Höchste Zeit für den Sport, den Deutschen Olympischen Sportbund, endlich zu helfen. Etwa mit einem Anschluss in seinem Hauptstadt-Büro.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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