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Doping-Kommentar : Das schlechte Gewissen wird nachgereicht

  • -Aktualisiert am

Auf seinem Fahrrad wirkte Zabel immer so stark und souverän ... Bild: dpa

Nur die ganz Naiven dürften Erik Zabel abnehmen, dass er mit seinem späten Doping-Geständnis nun endlich sein Gewissen erleichtern wollte. Wenn das wahr wäre, dann müsste er sich jetzt vom Profi-Radsport abwenden.

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          So spät ist der Radler Erik Zabel noch nie ans Ziel gekommen wie jetzt mit seinem Doping-Geständnis, das fast schon ranzig wirkt von der langen Lagerung. Jetzt, mehr als zehn Jahre nach seinen größten Erfolgen, fünf Jahre nach dem Ende seiner Karriere reicht er plötzlich das schlechte Gewissen nach, das ihn damals hätte drücken sollen.

          Als er sich 1996 bewusst für Doping entschied. Als er sich vom Arzt heimlich Spritzen geben ließ. Als er sich in einem Versteck die Infusionen legen ließ. Aber damals hatte er keine Zeit für Verantwortungsgefühl: Er musste ja Grüne Trikots gewinnen und sich feiern lassen als deutscher Held.

          Auf seinem Fahrrad wirkte Zabel immer so stark und souverän, wenn er sich dem Ellbogen-Kampf der Sprinter stellte und die Strapazen der Berge ertrug, um als Sportler noch ein Stück vollkommener zu werden. Doch in Wahrheit bestritt er auf seiner Rennmaschine einen jahrzehntelangen Lügenmarathon mit dem Ziel, berühmt und reich zu werden und sich im Ruhm zu sonnen.

          Dass die Helden der Landstraße seit hundert Jahren schlucken und tricksen, ist inzwischen jedem Kind bekannt. Man ist enttäuscht darüber, weiß aber, dass sie alle Teil eines Systems sind, das ein einzelner nicht ändern kann. Aber das offene Lügen, Zabels falsche Tränen bei seiner Geständnis-Sparversion im Jahr 2007, geben ein tristes Bild ab vom einstigen Liebling der einstigen Telekom-Nation.

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          Doping-Pressestimmen : „1998: Tour de Epo“

          Jetzt ist er 43, und die alten Sünden haben ihn eingeholt. Ein Test aus dem Jahr 1998, der eigentlich hatte anonymisiert werden und lediglich wissenschaftlichen Zwecken hatte dienen sollen, hat ihn wie 16 weitere Profis nun so spät auffliegen lassen. Gleichzeitig wird klar, dass die Epo-Abhängigen von damals mit ihren Schwüren das Beteuerungspulver auch von kommenden Generationen verschossen haben. Niemand glaubt mehr Radrennfahrern.

          Und auch Zabel dürften nur die ganz Naiven abnehmen, dass er mit seinem Doping-Geständnis nun endlich sein Gewissen erleichtern wollte. Wenn das wahr wäre, dann müsste er sich jetzt vom Profi-Radsport abwenden, diesem Sündenpfuhl, der ihn als jungen Menschen einst verführte. Und er müsste seinem 19 Jahre alten Sohn Rick dringend raten, sich davon abzuwenden. Aber das tut er nicht. Stattdessen versucht er, die Karriere von Zabel junior, den Radrennfahrer in dritter Familiengeneration, zu schützen. Auch an Zabels Behauptung, seine Familie habe bis zu seinem öffentlichen Eingeständnis nichts von seinen umfangreichen Doping-Praktiken gewusst, kann man schließlich zweifeln. Wahrheitsliebe sieht anders aus. Und Reue auch.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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