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Doping in Westdeutschland : „Die Karten müssen auf den Tisch“

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Nicht nur Anabolika: Es gibt viele Möglichkeiten zu dopen Bild: dpa

Welche Konsequenzen hat der Bericht über Doping in Westdeutschland? Noch aktive Protagonisten werden schwer belastet. Honoratioren aus Politik und Sport wie Hans-Dietrich Genscher oder Walther Tröger weisen eine Mitwisserschaft zurück.

          Die frühere Leichtathletin und Gründerin der Antidoping-Plattform Dopingalarm.de, Claudia Lepping, hat das Bundesinnenministerium, die deutschen Spitzensportfunktionäre und die involvierten Mediziner und Forscher auf gefordert, „die Karten auf den Tisch zu legen und die ganze Bandbreite der medizinischen Manipulation zur sportlichen Leistungssteigerung in Deutschland zu benennen, sie eindeutig zu ächten und zu sanktionieren“.

          Damit reagierte die frühere Sprinterin auf die jüngsten Berichte über die bislang unveröffentlichte Studie „Doping in Westdeutschland von 1950 bis heute (...)“ unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der „Süddeutschen Zeitung“.

          Claudia Lepping, die Doping ablehnte und entsprechende Praktiken in ihrem Verein in Hamm öffentlich machte, ruft auch dazu auf, „ alle jene Todesfälle im deutschen Leistungssport aufzuklären, in denen bei der Obduktion Spuren auf Doping und Medikamentenmissbrauch zu finden waren. (...) Nur volle Aufmerksamkeit auf dieses abgeschottete System von Lüge und Betrug kann die Dopingmentalität aufhalten.“ Sie biete ehemaligen Sportlern aus West- und Ostdeutschland an, ihre Doping-Erfahrungen - auch anonym - öffentlich zu machen und stehe als Ansprechpartnerin bereit.

          Unterdessen haben Honoratioren aus Politik und Sport eine Mitwisserschaft zurückgewiesen. Hans-Dietrich Genscher, 1972 Innenminister, hält es laut der „Bild am Sonntag“ für „völlig ausgeschlossen“, dass Politiker vor Olympia 1972 in München von bundesdeutschen Sportlern eine Doping-Einnahme gefordert hätten.

          „Systematisches Doping hat es unter dem Dach des Bundesinnenministeriums, des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und der Sportorganisationen nach meiner Überzeugung nicht gegeben“: Walther Tröger

          Auch Walther Tröger, von 1961 bis 1992 Generalsekretär im Nationalen Olympischen Komitee (NOK) und damit rechte Hand des NOK-Präsidenten Willi Daume, wies die Vorwürfe zurück. „Systematisches Doping hat es unter dem Dach des Bundesinnenministeriums, des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und der Sportorganisationen nach meiner Überzeugung nicht gegeben“, behauptet Tröger, später Daumes Nachfolger als NOK-Präsident.

          Verspätete Negativfolgen erwarte er weder für sich noch für Daume: „Die Legende Willi Daume wird durch diesen Bericht keinen Schaden nehmen. Er hat in Deutschland auch kein Doping unter der Hand akzeptiert“, fügte Tröger hinzu.

          „Ich habe dieses Projekt initiiert, um eine umfängliche Aufklärung zu erreichen und Aufarbeitung zu ermöglichen. Deshalb hoffen wir im DOSB, dass uns der Abschlussbericht baldmöglichst zugeht“: Thomas Bach

          Im Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), das seit seiner Gründung 1970 dem BMI untersteht, sind laut der Studie jahrzehntelang die Fäden für umfangreiche Forschungsprojekte mit zahlreichen leistungsfördernden Substanzen zusammengelaufen. Bereits vor zwei Jahren hatten die Wissenschaftler unter Leitung von Professor Giselher Spitzer von „staatlich subventionierten Anabolika-Forschungen“ in der Bundesrepublik gesprochen. Auch die fragwürdige Rolle Daumes war dokumentiert worden.

          Der Abschlussbericht der vom Deutschen Olympischen Sportbund 2008 initiierten und vom BISp mit rund 525.000 Euro bezuschussten Arbeit ist verzögert worden, weil die Wissenschaftler einen Rechtsschutz von ihrem Auftraggeber fordern. Denn in dem Bericht werden einige noch aktive Protagonisten schwer belastet.

          „Ich wüsste nicht wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen“: Hans-Dietrich Genscher

          „Man darf keine Liste wie auf einer Steuer-CD erwarten oder dass Olympia-Helden massenhaft des Dopings bezichtigt werden. Viele Sportler und Funktionäre sind schon tot, da tut man sich natürlich leichter“, sagte der Pharmakologe Fritz Sörgel nach Studium des 800-Seiten-Berichts, „ob man die hochbetagten Funktionäre und Sportärzte zu einer Äußerung oder gar einem Geständnis wie bei Zabel oder Armstrong bringen kann, bezweifle ich. Trotz teils aus dem Text entfernter Namen lässt sich über wissenschaftliche Literatur leicht herausfinden, um wen es sich dabei handelt.“

          Die Namen wollen der Sportausschuss des Bundestages und Spitzenfunktionäre wie Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, erfahren. Sein Interesse hat auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) angemeldet: „Ich habe dieses Projekt initiiert, um eine umfängliche Aufklärung zu erreichen und Aufarbeitung zu ermöglichen. Deshalb hoffen wir im DOSB, dass uns der Abschlussbericht baldmöglichst zugeht“, sagte DOSB-Präsident Thomas Bach.

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