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Doping in Westdeutschland : Denken in langen Linien

Auch nach 1990 änderte sich die Überzeugung der Medaillenzähler nicht: Belastete DDR-Trainer wie Thomas Springstein (hier mit Katrin Krabbe) wurden weiterbeschäftigt Bild: picture-alliance / Augenklick/ Foto Rauchensteiner

Kaum wird öffentlich, wie verlogen der deutsche Sport über Jahrzehnte operierte, versuchen seine Institutionen den Schaden mit den bewährten Reflexen zu begrenzen. Die betroffenen Sportler schweigen.

          4 Min.

          Der vieldiskutierte Bericht über die Doping-Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland bis 1990 hat wenig neue Detailinformationen gebracht - und doch eine erschreckende Erkenntnis. Zu keiner Zeit ist der glaubwürdige Wille auch nur einer einzigen der beteiligten Institutionen zu erkennen, Doping ernsthaft zu bekämpfen. Im Gegenteil: Die komplette Entkoppelung zwischen Reden und Handeln bei der Regierung, also dem für Sport zuständigen Innenministerium, den Sportpolitikern, der Sportwissenschaft und der Sportmedizin ist in ihrer Geballtheit die eigentlich alarmierende Botschaft der wissenschaftlichen Arbeit.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Dass diese Haltung nach 1990 sich nicht geändert, sondern verschärft hat, lässt sich auch ohne Forschungsarbeit leicht erkennen. Die Übernahme von belasteten Personen aus dem DDR-Sport nach der Wende, die in den hemmungslosen Praktiken des einstigen Leichtathletiktrainers Thomas Springstein gipfelte, signalisiert die wahre Überzeugung aller Medaillenzähler vom Ministerium bis zur Basis. Springsteins Name ist eng mit den Doping-Skandalen um Katrin Krabbe und Grit Breuer verbunden. Trotzdem wurde er 2002 vom Deutschen Leichtathletik-Verband zum Trainer des Jahres gekürt.

          Leichtathletiktrainer mit Doping-Vergangenheit wurden weiterbeschäftigt

          Noch 2009 entschied der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), sechs durch DDR-Doping kompromittierte Leichtathletiktrainer weiterzubeschäftigen. Darunter auch Werner Goldmann, bis heute Coach des Diskus-Olympiasiegers Robert Harting aus Berlin. Der Berliner Kugelstoßer Gerd Jacobs hatte zuvor öffentlich gemacht, dass Goldmann ihm das Doping-Mittel Oral-Turinabol verabreicht habe. Jacobs ist ein vom Bundesverwaltungsamt anerkanntes Doping-Opfer; er hat eine Herztransplantation hinter sich bringen müssen.

          Wolfgang Schäuble (CDU), 2008 Bundes-Innenminister, sprach sich für Goldmanns Weiterbeschäftigung aus, Peter Danckert (SPD), damals Vorsitzender des Sportausschusses im deutschen Bundestag, auch. Es war Udo Steiner, ehemaliger Bundesverfassungsrichter und Juraprofessor mit tadellosem Hintergrund, der damals für den DOSB und seinen Präsidenten Thomas Bach die Kuh vom Eis holte. Steiner übernahm die Leitung der angeblich unabhängigen Kommission des DOSB, die Trainer, Trainerinnen und Offizielle mit Doping-Vergangenheit überprüfen sollte.

          Weitere fünf Trainer - Rainer Pottel (Berlin), Maria Ritschel und Gerhard Böttcher (beide Halle/Saale), Klaus Schneider (Magdeburg) und Klaus Baarck (Neubrandenburg) lieferten ein pauschales Eingeständnis und die Zusicherung, seit der Einheit sauber zu arbeiten. Goldmann, der bereits vors Arbeitsgericht gegangen war, sicherte seinen Arbeitsplatz endgültig, indem er außerdem den Fall Jacobs einräumte. Steiner hatte sie alle zur Weiterbeschäftigung empfohlen.

          Wartet auf „Empfehlungen und Lehren“: DOSB-Präsident Thomas Bach
          Wartet auf „Empfehlungen und Lehren“: DOSB-Präsident Thomas Bach : Bild: dpa

          Am Montagabend, kurz nachdem das - dem Innenministerium unterstehende - Bundesinstitut für Sportwissenschaft sich hatte durchringen können, den in seinem Auftrag erstellten Bericht in unvollständiger Form ins Internet zu stellen, kündigte Thomas Bach Konsequenzen an. Es werde wieder eine „unabhängige Kommission“ des DOSB geben. Der Vorsitzende werde der ehemalige Verfassungsrichter Udo Steiner sein, Bachs Allzweckwaffe für elegantes Krisenmanagement. Steiner war es auch, der 2009 der „unabhängigen“ Kommission zur Bewältigung des laxen Umgangs der deutschen Springreiter im Umgang mit verbotener Medikation zu einem unspektakulären Ende verhalf. Die Reiter seien „nicht strukturell unredlich“.

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