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Doping in der Leichtathletik : Contes Hinweise

Einstige Sprinterin Marion Jones: Erst Olympiasieger, dann Gefängnis - dank Balco Bild: AFP

Der Doping-Insider Victor Conte, der einst Marion Jones zu Olympiasieg und Weltrekord im Sprint dopte, informierte die Welt-Anti-Doping-Agentur über seine Sicht der Dinge. Und dann?

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          Kann man einem Betrüger glauben? Einem Mann, der die Schnellsten noch ein bisschen schneller gemacht hat und dafür vier Monate in einem kalifornischen Gefängnis gesessen hat? Richard Pound, Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), hat sich mehrfach mit Victor Conte getroffen, dem Mann, der zur Jahrtausendwende Marion Jones und Tim Montgomery zu Olympiasieg und Weltrekord im Sprint dopte. Dessen Vertrieb Balco wurde, als er aufflog, zum Synonym für ein Doping-Netz. Pound wollte schon vor Jahren von Einblicken Contes profitieren.

          Die „Japan Times“, 1897 gegründete Zeitung aus Tokio, berichtete in einer vierteiligen Serie darüber und enthüllt, dass die Wada zwar über Contes Hinweise informiert ist, sich aber nicht für zuständig hält, diese zu nutzen. Auf F.A.Z.-Nachfrage bestätigte Wada-Sprecher Ben Nichols, dass die Organisation „seit Jahren Hinweise von Dritten erhält“, und zwar „auch von Victor Conte“. Keine Information sei zurückgewiesen worden, allerdings sei die Wada nicht für Nachtests zuständig, da sie auch nicht für die Lagerung von Doping-Proben zuständig sei. Man ermutige die zuständigen Organisationen, dies zu tun.

          Am vergangenen Dienstag hatte die IAAF, „zuständige Organisation“ im Sinne der Wada für Leichtathletik-Weltmeisterschaften, bekanntgegeben, wegen auffälliger Werte bei Doping-Nachtests von den Weltmeisterschaften 2005 und 2007 gegen 28 Athleten zu ermitteln. Am Sonntag berichtete die ARD, bei 20 Nachkontrollen von Proben der WM 2009 in Berlin - bei der Usain Bolt seine Weltrekorde über 100 Meter (9,58 Sekunden) und 200 Meter (19,19) lief - habe es drei Positivbefunde gegeben. Wessen Proben aufgrund welchen Verdachts getestet wurden, bleibt unklar. Ebenso, wessen Proben nicht nochmal getestet wurden.

          Kennt alles Tricks, aber ist er glaubhaft? Victor Conte

          Laut „Japan Times“ trafen sich Conte und Pound, damals noch Wada-Präsident, im Dezember 2007 in New York. Ein Anwalt protokollierte das dreieinhalb Stunden lange Gespräch. Als Conte zweieinhalb Jahre später Pound eine Doping-Substanz zukommen ließ, die er in diesem Gespräch erwähnt hatte (AMTH-2), forderte er diesen auf, die Protokolle zu Rate zu ziehen. Pound rief ein paar Tage später zurück und sagte: „Die Aufzeichnungen sind zerstört worden.“

          Conte hält sich zugute, dass er die dunkle Seite kennt. Und er hat eine dezidierte Meinung zum Umgang der Sportfunktionäre des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und anderer entscheidender Figuren im Sport mit Dopern und anderen Betrügern. Sie lässt sich so zusammen fassen: Die Krise der Leichathletik? Business as usual. Die Korruption, die offenbar wird? „Ich glaube, es reicht bis an die Spitze. Über Nike hinaus, über die Sender, die sich die Übertragungsrechte gesichert haben, bis zu den Olympischen Spielen, zum Internationalen Olympischen Komitee, zur Wada und in die IAAF. Ich glaube, sie sind von unten bis oben korrupt. Ich glaube, alle wissen, dass Doping zügellos geworden ist.“

          Richard Pound, Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur: Kann man einem Betrüger trauen?

          Pound tat Contes Ansichten nicht als Übertreibungen und Mutmaßungen eines rachsüchtigen Straftäters ab. „Gib mir eine Liste von sechs Athleten, die dir verdächtig erscheinen und wie du sie testen würdest“, forderte er nach dem Bericht Conte 2012 auf. Conte habe eine Liste erstellt: Die Langstreckenläufer Galen Rupp und Mo Farah sollen darauf gestanden haben, die Sprinter Bolt, Yohan Blake, Carmelita Jeter und Jason Richardson. Deren eingelagerte Proben sollten, so habe er empfohlen, mit dem Kohlenstoff-Isotopenverhältnistest auf Spuren der Verwendung synthetischen Testosterons untersucht werden.

          Unter Experten gilt die Verwendung von Testosteron in Kleinstdosierungen als verbreitet. Conte spricht von einer „Epidemie“. Dieser Isotopenverhältnistest, mit dem sich Mikrodosierungen länger nachweisen ließen, wird erst angewandt, wenn ein Verdachtsmoment bestätigt werden soll. Conte berichtet, Pound habe seinen Vorschlag dem Wada-Generaldirektor David Howman unterbreitet. Zu den vorgeschlagenen Nachtests sei es nicht gekommen.

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