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Doping in der Leichtathletik : Jamaika testet - anders

  • -Aktualisiert am

Die Kontrollen der jamaikanischen Sportler sind nicht optimal Bild: REUTERS

Fünf Leichtathleten aus Jamaika wurden auf einem Streich des Dopings überführt. Bei der Anti-Doping-Agentur des kleinen Landes wird eine eigenwillige Kultur der Verschleierung gepflegt. Und die Zahl und Qualität der Tests ist gering.

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          Sie hatte drei Tage lang geschwiegen, in denen die sich die Nachrichten eines nationalen Debakels ständig verdichteten. Fünf Leichtathleten auf einem Streich des Dopings überführt. Berichte über einen Polizeieinsatz im fernen Italien und einen dubiosen Masseur aus Kanada - das reichte.

          Portia Simpson Miller, seit achtzehn Monaten Premierministerin von Jamaika, trat im Repräsentantenhaus in Kingston vors Mikrofon und sprach zwanzig Minuten lang nur über ein Thema: Doping. Und die Auswirkungen der jüngsten Enthüllungen auf das Selbstwertgefühl und das Image eines kleines Landes, das sich in die Idee verliebt hat, dass seine Söhne und Töchter auf den Sprintstrecken der Leichtathletik den Rest der Welt mit fairen Mitteln abhängen.

          Sport ist Chefsache im Inselstaat. Genauso wie der Kampf gegen die Leistungsmanipulation, der seit Mai 2009 mit Steuergeldern von einer Unterabteilung ihres Amtes - der Jamaican Anti-Doping Commission (Jadco) - betrieben wird. Doch dort wird eine eigenwillige Kultur der Verschleierung gepflegt. Er wolle nicht, „dass unsere Sportler wissen, ob es 400 oder 500 oder wie viele auch immer sind“, sagte Jadco-Chef Dr. Herb Elliot einen Tag vor der Rede der Regierungschefin der englischen Zeitung The Guardian zum Thema Tests.

          Wie überzogen seine Angaben waren, machte Portia Simpson Miller deutlich, die im Parlament zum ersten Mal einen Einblick in die Statistik gab und damit Elliott bloßstellte. Es seien in den letzten vier Jahren 860 Proben erhoben worden, sagte sie. „504 dieser Tests im Rahmen von Wettkämpfen, die verbleibenden 356 Tests bei Trainingskontrollen.“

          Kein Interesse an Aufklärung

          Es handelt sich allein um Urinproben. Denn mit Blutabnahmen wird Jadco, so wurde vor wenigen Wochen von der Regierung verlautbart, erst in diesem Jahr beginnen. Die Angaben bestätigten erstmals ganz offiziell, was Richard Pound, der ehemalige Chef der Welt-Anti-Dopingagentur (Wada) bereits im vergangenen Jahr thematisiert hatte.

          Damals sorgte seine Mutmaßung, jamaikanische Sprinter seien im eigenen Land nur schwer zu finden, auf der Karibikinsel für Verärgerung. Doch Pounds Aussage zielte in die richtige Richtung. Auf Jamaika finden nur wenige Trainingskontrollen statt. Wenn jemand erwischt wird, dann beim Wettkampf. Die Arbeitsweise der Jadco steht im scharfen Kontrast zu der der Anti-Dopingagenturen im Rest der Welt, die ihren Schwerpunkt auf unangemeldete Kontrollen legen.

          Bilderstrecke

          Die Verantwortung für das jamaikanische Programm trägt Dr. Herb Elliott. Der hatte bereits 2008 als Teamarzt der jamaikanischen Olympiamannschaft in Peking für Aufsehen gesorgt, als er die überragenden Leistungen und Medaillenerfolge seiner Landsleute so erklärte: Das sei eine Folge der harten genetischen Auslese. Die Inselbewohner seien Nachfahren von afrikanischen Sklaven.

          Elliott scheint kein Interesse an Aufklärung der wahren Gründe für die Dominanz der Sprinter zu haben, obwohl inzwischen so mancher entlarvt worden ist. So gab er nach Bekanntwerden der positiven Dopingprobe von 200-Meter-Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown diese Einschätzung zum Besten: „Es gibt andere, die ich unter Verdacht hatte, aber nicht sie.“ Bloß gegen diese Verdächtigen geht er ganz offensichtlich nicht sonderlich entschlossen vor.

          Wie der Teil einer Desinformationskampagne

          Ins Bild passen Aussagen wie jene letzte Woche ebenfalls gegenüber dem Guardian, wonach seine Organisation die Athleten angewiesen habe, nur Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, die von der amerikanischen Lebens- und Arzneimittelbehörde in den Vereinigten Staaten zugelassen worden sind. Die Aussage klang vordergründig solide, aber wirkte bei genauem Hinsehen wie der Teil einer Desinformationskampagne.

          Tatsächlich herrscht in den Vereinigten Staaten ein laxes Regime für diese Produktkategorie. Eine Anmelde- oder ein Kontrollverfahren gibt es von Gesetz wegen nicht. Wer Substanzen kauft und einnimmt, die verschreibungspflichtige Mittel enthalten und davon krank oder als Doper erwischt wird, der hat nur eine Möglichkeit: Er muss klagen. So wie das derzeit in einem Zivilgerichtsverfahren in Kalifornien passiert, wo eine Firma beschuldigt wird, einem Nahrungsergänzungsmittel Oxilofrin beigemischt zu haben - jenes Stimulanzium, mit dem die beiden Sprinter Asafa Powell und Sherone Simpson aufgefallen waren.

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