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Doping in der DDR : Fünf Trainer bekennen sich zu Verfehlungen

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DLV-Präsident Prokop sieht in der Erklärung „kein Ersatz für die grundlegende Aufarbeitung von Doping in Ost und West” Bild: picture-alliance/ dpa

Fünf deutsche Leichtathletik-Trainer haben eine Erklärung zu ihrer Doping-Vergangenheit in der DDR unterzeichnet. In der Erklärung bekennen sie sich zu ihren Verfehlungen und entschuldigen sich für mögliche gesundheitliche Schäden der gedopten Athleten.

          Fünf deutsche Leichtathletik-Trainer haben eine Erklärung zu ihrer Doping-Vergangenheit in der DDR unterzeichnet. Damit leisteten sie einen in dieser Form ungewöhnlichen und bislang einmaligen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Leistungsmanipulation im Kalten Krieg.

          Die fünf Trainer, Klaus Baarck (Neubrandenburg/Siebenkampf), Gerhard Böttcher (Halle a.d. Saale/Diskus), Rainer Pottel (Berlin/Mehrkampf), Maria Ritschel (Halle/Speer) und Klaus Schneider (Magdeburg/Kugel), unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich zu ihren Verfehlungen bekennen, ihr Bedauern vor allem im Hinblick auf die möglichen gesundheitlichen Schäden der gedopten Athleten aussprechen, sich ausdrücklich dafür entschuldigen und versichern, seit der Wende 1989 einen Sinneswandel durchlebt zu haben.

          „Wichtiger sportethischer Schritt“

          In dem Papier bezeichnen die Trainer den Einsatz von Doping-Mitteln „aus heutiger Sicht als Fehler“. Zuvor hatten Doping-Opfer eine solch pauschale Erklärung bereits als unzureichend kritisiert und mit einer „Generalamnestie“ gleichgesetzt. DOSB-Präsident Thomas Bach hingegen ist der Meinung: „Auf dieser Basis kann den betreffenden Trainern eine neue Chance eingeräumt werden.“

          DOSB-Präsident Bach: „Auf dieser Basis kann den betreffenden Trainern eine neue Chance eingeräumt werden”

          Wie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in einer gemeinsamen Pressemitteilung verbreiteten, sei die Erklärung aus dem Trainerkreis im Rahmen des Forschungsprojekts „Doping in Deutschland“ initiiert worden, mit dem Doping-Systeme in Ost und West aufgearbeitet werden sollen. Die Unabhängige Kommission zur Prüfung von Trainern mit Doping-Vergangenheit unter Vorsitz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner habe die Erklärung geprüft und als „wichtigen sportethischen Schritt“ begrüßt.

          „Kein Ersatz für grundlegende Aufarbeitung“

          Sie habe erklärt, es gebe keine Bedenken, dass diejenigen Trainer, die diese Erklärung unterzeichnen, im Bereich des DLV weiterbeschäftigt würden. DLV-Präsident Clemens Prokop machte deutlich, dass diese Erklärung „kein Ersatz für die grundlegende Aufarbeitung von Doping in Ost und West vor 1990“ sei. Der Jurist Prokop betonte, dass alle fünf Unterzeichner seit 1991 erfolgreich für seinen Verband arbeiteten. „Sie haben sich seit dieser Zeit für einen dopingfreien Sport engagiert und sich nichts zuschulden kommen lassen.“ Er sei der Meinung, diese Lösung müsse „nicht auf die Leichtathletik beschränkt sein“, hatte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper schon vergangene Woche gesagt.

          Der für Sport zuständige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble nannte die fünf Erklärungen ein „Signal für die Übernahme von Mitverantwortung für das seinerzeitige systembedingte Doping und einen Beitrag zum Dialog mit den Opfern“. Doping habe es in beiden Teilen Deutschlands gegeben. „Wir sollten uns daher hüten, mit dem Finger auf den jeweilig anderen Teil zu zeigen.“

          Opfer werden nach Berlin eingeladen

          Vorerst nicht zu den Unterzeichnern der Erklärung gehört der vom DLV wegen seiner Doping-Vergangenheit nicht weiterbeschäftigte Berliner Wurf-Trainer Werner Goldmann, der vor dem Amtsgericht Darmstadt auf Wiederanstellung klagt.

          Prokop stellte heraus, dass es keinen Schlussstrich unter die Debatte geben solle. Neben den Opfern dürfe man bei der Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit auch die Trainer nicht vergessen, die in der ehemaligen DDR nicht bereit waren, Doping-Mittel zu verabreichen, und deshalb auf ihre Karriere im Hochleistungssport verzichten mussten und auch nach der Wiedervereinigung keine Chance mehr als Spitzentrainer bekommen haben. Mit diesen Personengruppen will der DLV einen intensiveren Dialog pflegen. Als ersten Schritt lädt der DLV Trainer, die in der ehemaligen DDR auf eine Karriere im Hochleistungssport verzichten mussten, und auch Doping-Opfer zum Eröffnungstag der Leichtathletik-WM in Berlin am 15. August ein. Dies sei ein Zeichen der Solidarität und ein Gespräch mit dem DLV-Präsidium, sagte Prokop.

          Luck gibt unwissentliches Doping zu

          Derweil erklärte der ehemalige Biathlon-Weltmeister Frank Luck in der WDR-Sendung „sport inside“ am Montagabend, er sei in der DDR gedopt worden, allerdings ohne sein Wissen. „Man hat mir bei einer Aussage beim Landeskriminalamt Thüringen 1994 Substanzen vorgelegt und gefragt, ob ich mit denen in Berührung gekommen sei. Da habe ich es dann gemerkt.“ Bei diesen Pillen handelte es sich laut dem Polizeiprotokoll, das dem WDR vorliegt, um die in der DDR gängigen Anabolika-Präparate Oral Turinabol. Der Oberhofer Luck, der 2004 seine Laufbahn beendete, gehörte 1988 in Calgary neben Jürgen Wirth zum Aufgebot der DDR. Wirth hatte behauptet, dass auch der aktuelle Bundestrainer Frank Ullrich von den damaligen Doping-Praktiken gewusst und diese überwacht habe. Ullrich bestreitet die Vorwürfe.

          In derselben WDR-Sendung hat Walther Tröger, der ehemalige Präsident des deutschen Nationalen Olympischen Komitees, die DDR-Dopingvergangenheit von Trainern, die heute noch tätig sind, als „irrelevant“ und „vergeben“ bezeichnet. „Das Einbringen von Reue in diese Geschichte finde ich absurd“, sagte Tröger.

          Die Erklärung im Wortlaut:

          „Wir haben bis 1990 in der DDR als hauptamtliche Trainer im Spitzensport gearbeitet. Unsere Aufgabe war es, mit unseren Sportlern internationale Erfolge, insbesondere Siege und Medaillen, zu erringen. Das Sportsystem der DDR war durch eine straffe Hierarchie gekennzeichnet, unser Arbeitsgebiet durch eindeutige Dienstanweisungen klar geregelt. Dies betraf die Ausgestaltung des Trainings, aber nicht die Randbedingungen einschließlich der medizinischen Betreuung.

          Wir waren im Einzelfall am Einsatz unterstützender pharmazeutischer Substanzen (Dopingmittel) beteiligt. Uns war bekannt, dass dies den Regeln des Sports widersprach, doch fühlten wir uns durch die Vorgaben des Staates legitimiert. Bei einer Weigerung, diese Mittel weiterzugeben, hätten uns der Ausschluss aus dem Leistungssport und damit erhebliche berufliche Nachteile gedroht. Trotz des systembedingten Drucks betrachten wir den Einsatz von Dopingmitteln aus heutiger Sicht als Fehler. Soweit die Sportler durch den Einsatz von Dopingmitteln gesundheitliche Schäden davongetragen haben sollten, sind wir tief betroffen und bedauern dies sehr. Die daran beteiligten Trainer entschuldigen sich ausdrücklich dafür.

          Seit 1991, also in mehr als achtzehn Jahren, haben wir durch unsere Arbeit bewiesen, dass wir uns zu dopingfreiem Hochleistungssport bekennen und dafür einsetzen. Wir werden uns auch in der Zukunft für einen dopingfreien Sport kompromisslos engagieren.“

          Die Erklärung stammt von den Leichtathletik-Trainern Klaus Baarck, Gerhard Böttcher, Rainer Pottel, Maria Ritschel und Klaus Schneider. (Quelle DOSB/DLV)

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