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Doping : Giro stemmt sich gegen Nachtests

Unverfroren: Giro-Direktor Angelo Zomegnan Bild: AFP

Giro-Direktor Angelo Zomegnan ist unverfroren genug, zu erklären, dass die Italien-Rundfahrt es nicht nötig habe, Dopingproben seiner Teilnehmer von 2008 nachträglich auf das Epo-Präparat Cera zu untersuchen. Stattdessen verwirrt er die Sachlage. FAZ.NET beantwortet aktuelle Fragen zum neuen Testverfahren.

          Mit platten Reifen schleppt sich der Profi-Radsport durch die aktuelle Krise. Der Veranstalter des Giro d'Italia aber bleibt optimistisch, dass er trotz der noch nicht ausgerollten Doping-Lawine so weitermachen kann wie bisher. Die erprobte Strategie: Verwirrung der Lage. Giro-Direktor Angelo Zomegnan ist unverfroren genug, zu erklären, dass die Italien-Rundfahrt es nicht nötig habe, Dopingproben seiner Teilnehmer von 2008 nachträglich mit dem neu entwickelten Bluttest auf das Epo-Präparat Cera zu untersuchen. „Der Giro hat die nötigen Tests bereits zuvor gemacht“, behauptet Zomegnan.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die kann er aber nicht gemacht haben, denn der Bluttest, mit dessen Hilfe den Profis Stefan Schumacher und Leonardo Piepoli in ihren während der Tour entnommenen A-Proben Spuren des Dopingmittels Cera nachgewiesen wurden, ist erst seit kurzem validiert. Deshalb lagen diese Testergebnisse auch erst zehn Wochen nach der Tour vor. Auch während der Olympischen Spiele in Peking konnte er noch nicht angewandt werden, weshalb das Internationale Olympische Komitee (IOC) nun Nachtests angekündigt hat. Die Spiele endeten am 24. August. Der Giro aber fand vom 10. Mai bis zum 1. Juni statt.

          Armstrong soll mit offenen Armen empfangen werden

          Doch wieso suchen, wenn man doch etwas finden könnte? Zu dieser Haltung passt, dass der Giro den siebenmaligen Tour-Sieger Lance Armstrong mit offenen Armen empfangen will, obwohl der immer noch nicht geklärt hat, wie in sechs seiner Dopingproben von 1999 Epo hatte gelangen können. Und auch nicht vor hat, dies zu klären. Wieso auch? Unklarheit ist der Freund aller Doper. Und alles, was mit Doping zu tun hat, kann durch juristisches und wissenschaftliches Zerpflücken für oberflächliche Beobachter nahezu unkenntlich gemacht werden. Darum sollen hier ein paar aktuelle Fragen geklärt werden.

          Wieso suchen, wenn man etwas finden könnte? Zu dieser Haltung passt, dass der Giro Lance Armstrong empfangen will

          Der Bluttest auf Cera wurde erst vor kurzem validiert. Wieso hat es bereits im Juli bei der Tour de France einen Cera-Fall gegeben, nämlich den des Italieners Riccardo Ricco?

          Bei Ricco trat einer der seltenen Fälle ein, in denen Cera auch im Urin nachgewiesen werden konnte. Eine an das Epo-Molekül angehängte Kohlenwasserstoffkette verleiht dem Präparat Langzeitwirkung, verdoppelt aber auch die Molekülgröße. Durch seine Größe kann dieses Molekül nur schwer die Niere passieren und ist deshalb nur in kleiner Menge im Urin vorhanden. Erst durch eine schwere Anstrengung können sich die Nieren „öffnen“, so dass mehr Cera ausgeschieden wird. So war es bei Ricco.

          Eine seiner beiden positiven Proben wurde etwa nach dem Zeitfahren rund um Cholet entnommen. Er wunderte sich später darüber, dass er nicht häufiger aufgefallen war: „Bei der Tour habe ich sehr viele Kontrollen gemacht. Nur zwei sind positiv ausgefallen, aber eigentlich hätten es alle sein müssen. Offensichtlich ist das Testverfahren nicht zu hundert Prozent ausgereift.“

          Wieso hatte die französische Anti-Doping-Agentur, welche die Tests der Tour organisierte, weitere Fahrer im Visier, deren Urin-Tests negativ ausgefallen waren?

          Bei einem Übersichtstest zeigte sich bei gewissen Fahrern ein wichtiger Verdachtsmoment. Das Vorhandensein der Kohlenwasserstoffkette, die Cera charakterisiert. Dies ist aber noch kein Beweis für die Cera-Einnahme. Nur bei Ricco konnte sich Cera daraufhin im Urin nachweisen lassen. Bei Piepoli und Schumacher stellte das Labor in Paris das Cera erst anhand der Nach-Analyse im Blut fest. Weitere Proben sind noch nicht zu Ende analysiert. Deshalb wartet die Branche mit angehaltenem Atem auf die nächsten Namen. Auf der Verdachtslise sollen weitere prominente Fahrer stehen.

          Der Fall Ricco hat bereits im Juli gezeigt, dass Cera nachgewiesen werden kann. Wieso glaubt das Internationale Olympische Komitee, dass Radrennfahrer und Ausdauersportler das Mittel trotzdem noch im August genommen haben?

          Cera ist ein Mittel mit Langzeitwirkung. Nierenpatieten, für die es eigentlich vorgesehen ist, müssen es nur alle vier Wochen einnehmen. Darum ist es möglich, dass ein Radrennfahrer das Epo-Präparat zwar nach der Tour abgesetzt hat, dass sich aber trotzdem noch Spuren in seinem Blut befanden - zumal das IOC schon am 27. Juli mit seinen eigenen Trainingstests begonnen hatte, dem Tag, an dem die Tour de France endete. Einige Cera-Benutzer fühlten sich damals möglicherweise noch sicher, weil sie die Tour scheinbar ungeschoren überstanden hatten.

          In Peking jedenfalls machte das Feld der Straßenfahrer einen gespaltenen Eindruck. Es schien solche zu geben, die das Risiko scheuten, und solche, die aus der Zurückhaltung der Konkurrenz Kapital schlugen. Die Möglichkeit, dass die eingefrorenen Proben acht Jahre lang nachgetestet werden können, hatte möglicherweise für manchen Athleten aber den vom IOC beschworenen Abschreckungseffekt.

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