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Doping-Geständnis : Pillen-Knick in der Optik

  • -Aktualisiert am

Weil er als Trainer glaubwürdig sein will, hat der frühere Radsportler Robert Lechner ohne Druck von außen seine Doping-Vergangenheit offenbart. Seine Haltung ist leider ein Sonderfall, seine Geschichte leider kein Einzelfall.

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          Der Fall des Robert Lechner ist ziemlich einzigartig. Welcher ehemalige deutsche Medaillengewinner bei Olympischen Sommerspielen hat ohne Druck von außen, ohne veröffentlichte Aktennotizen, ohne zu befürchtende Enthüllung seine Doping-Vergangenheit offenbart? Lechners Medikamenten-Missbrauch wäre nie publik geworden ohne die Einsicht des früheren Radsportlers, als Trainer nur mit einer glaubwürdigen Aufarbeitung der Vergangenheit weiterkommen zu können.

          Mit diesem mutigen, überzeugenden Schritt kommt der frühere Sportler seinem ehemaligen Verband zuvor. Eigentlich hatte der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) die Aufgabe übernommen, in sich zu gehen, nachzuforschen, aufzuklären. Nämlich herauszufinden, wie sich das Rad in den achtziger und neunziger Jahren drehte, wer wen mit verbotenen Mitteln zu beschleunigen versuchte. Und zwar weniger bei den Profis, sondern eher in seinem Beritt, bei den Amateuren, den über Jahre zuverlässigen Medaillenlieferanten.

          „Glauben Sie , diese Muskeln kann man sich anfuttern?“

          Daraus ist (vorerst) nichts geworden. Nach großspurigen Ankündigung durch BDR-Präsident Rudolf Scharping nach den herausgepressten Teilgeständnissen der Heroen vom Team Telekom ist die Aufarbeitungskommission schnell wieder auseinandergefallen. Weil sie spürte, dass der BDR kein Interesse habe, vermutlich keines haben kann. Denn wenn er ohne Ansehen der Personen wühlte, seine Funktionäre, Trainer, Ärzte, Fahrer von damals konkret befragte, stellte er vielleicht fest, dass nicht nur Lechner systematisch abgefüttert wurde: erst mit Nahrungsergänzungsmitteln, dann mit im Sport unerlaubten Substanzen.

          Die Personalpolitik des BDR vergangener Zeiten stärkt die Vermutung, der Verband habe genau geprüft, wem er seine Athleten anvertraute. „Glauben Sie denn, diese Muskeln kann man sich anfuttern?“, erzählte ein ehemaliger DDR-Trainer über die Ausmaße der Oberschenkel ostdeutscher Bahngrößen bei seinem Einstellungsgespräch. Der Mann erhielt Lohn und Brot im BDR - als Coach auf Bundesebene. Genauso wie ein westdeutscher Kollege, der in den siebziger Jahren wegen wiederholten Dopings gesperrt worden war.

          „Blaue Pillen“ oder „kleine Braune“

          So weit, wie immer wieder dargestellt, lagen Ost und West nicht auseinander. In vielen Fällen unterschied sich die Methode nur in ihrem Anstrich. „Blaue Pillen“ sagten die „Ossis“ zum Standart-Dopingmittel in der DDR, Oral-Turinabol. „Wessis“ sprachen angesichts der Andriol-Tabletten, ein Steroid, von den „kleinen Braunen“. Die Verniedlichung war so weitverbreitet in der Szene, dass viele frühere Kollegen die Nachricht von Lechners Einzigartigkeit wenigstens im Stillen für sich in Frage stellen werden. Seine Haltung ist leider ein Sonderfall, seine Geschichte leider kein Einzelfall.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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