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Russische Manipulationen : Entschuldigung aus Moskau weckt Hoffnungen

Werbung in eigener Sache: Anschelika Sidorowa. Bild: AFP

Der russische Leichtathletikverband ist seit 2015 wegen systematischen Dopings suspendiert. Nun akzeptiert der neue Verbandspräsident Jurtschenko die Vorwürfe der Manipulation – und entschuldigt sich.

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          Als Sebastian Coe, Präsident des Weltverbandes der Leichtathleten (World Athletics), am Dienstag ins Hauptquartier am Yachthafen von Monaco zurückkehrte, wartete Besuch auf ihn. Marija Lassizkene und Anschelika Sidorowa, die Weltmeisterinnen im Hochsprung und im Stabhochsprung, sowie Sergei Schubenkow, Weltmeister im Hürdensprint von 2015 und Zweiter der beiden folgenden Weltmeisterschaften, waren aus Moskau und Sibirien ans Mittelmeer geflogen, um in eigener Sache und für russische Leichtathleten zu werben. Sie wollen endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen und bei internationalen Sportveranstaltungen antreten dürfen. Coe übergaben sie einen entsprechenden Brief an die Ratsmitglieder.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Da der russische Verband (Rusaf) seit November 2015 wegen systematischen Dopings suspendiert ist, müssen dessen Athleten für Starts außerhalb Russlands – ebenso wie für ihre noch ungewisse Nominierung als Mitglieder der russischen Olympiamannschaft – als neutrale Athleten anerkannt werden. Russland, von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) wegen der Manipulation von Daten im angeblich versiegelten Doping-Kontroll-Labor von Moskau für vier Jahre von Olympischen Spielen ausgeschlossen, kämpft vor dem obersten Sportsgerichtshof (Cas) um seine Teilnahme an den Sommerspielen von Tokio 2020 und den Winterspielen von Peking 2022.

          Jurtschenko bittet um Entschuldigung

          Die drei Leichtathleten trafen, wie Teilnehmer berichten, in freundschaftlicher Atmosphäre auf einen zuversichtlichen Coe. Jon Ridgeon, Vorstandsvorsitzender von World Athletics, hatte bereits Post aus Moskau erhalten, in welcher der am Freitag neugewählte russische Verbandspräsident Jewgeni Jurtschenko Wohlverhalten und eine Einigung versprach. Er akzeptiere die Vorwürfe der Manipulation und des Betruges vollständig, schrieb Jurtschenko, und bitte um Entschuldigung für das Verhalten seines Verbandes. Er sehe sich der Aufgabe verpflichtet, die Wiederaufnahme Russlands in die Welt-Leichtathletik so bald wie möglich zu erreichen. Schon in der kommenden Woche, wenn am Mittwoch und Donnerstag der oberste Rat, das Council von World Athletics, tagt, könnte entschieden werden, das Verfahren zur Anerkennung neutraler Athleten (Ana) aus Russland wieder in Gang zu setzen. Die Wiederaufnahme des Verbandes braucht mehr Zeit.

          Die Anerkennung neutraler Athleten ist ausgesetzt, seit Rusaf im Herbst vergangenen Jahres für eine Eskalation der Krise in seinem Verhältnis mit dem Weltverband sorgte. Im Fall des Hallen-Weltmeisters Danil Lysenko, der sich Doping-Kontrollen entzogen hatte, präsentierte die russische Verbandsführung zunächst gefälschte ärztliche Atteste, die Lysenko entschuldigen sollten, dann bestritt sie grundsätzlich, dass Lysenko sich etwas habe zuschulden kommen lassen.

          Hoffnung auf bessere Beziehungen

          Der Weltverband und seine unabhängigen Integritätseinheit (AIU) sahen das Verfahren torpediert und drohten mit dem Ausschluss der Russen aus dem Weltverband. Sie sperrten Lysenko, dessen Trainer und die russische Verbandsspitze einschließlich Präsident Dmitri Schlyachtin.

          Jewgeni Jurtschenko, der neue Präsident des russischen Leichtathletikverbandes

          Die dreimalige Weltmeisterin Marija Lassizkene – sie siegte in Peking 2015, London 2017 und Doha 2019 – drohte, den Verband auf Schadensersatz für entgangene Start- und Preisgelder sowie Werbeverträge zu verklagen. Ihr droht, auf dem Gipfel ihres Leistungsvermögens wie die Olympischen Spiele von Rio 2016 auch die von Tokio 2020 zu verpassen, ohne daran persönliche Schuld zu haben. Das Sportministerium Russlands entzog dem Verband die staatliche Akkreditierung; eine Arbeitsgruppe des Nationalen Olympischen Komitees Russlands übernahm die Verbandsführung.

          Am Montag erhielt Rusaf von Sportminister Oleg Matyzin die Akkreditierung zurück; er hoffe, dass die neue Führung gemeinsam mit dem Ministerium aktiv an der Wiederherstellung und Stärkung der Beziehungen zum Weltverband der Leichtathleten arbeiten werde, sagte Matyzin. Der von großen Erwartungen begleitete Jurtschenko gehört dem Direktorium des staatlichen Luft- und Raumfahrtkonzerns PJSC United Aircraft Corporation (UAC) an und war laut Nachrichtenagentur Tass erster Vizepräsident des Oblasts Woronesch im Südwesten Russlands an der Grenze zur Ukraine. Er erhielt am Freitag 53 von 63 Stimmen, nachdem sich zwei Gegenkandidaten zurückgezogen hatten.

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          World-Athletics-Präsident Coe hat in der vergangenen Woche deutlich gemacht, dass er von den Russen eine gebührende Anerkennung ihrer Fehler erwarte. „Ich bin nicht Kopf des internationalen Verbandes geworden, um Athleten Wettkämpfe zu verbieten“, sagte er der französischen Sport-Tageszeitung „L‘Equipe“. „Aber sicher würde ich es begrüßen, wenn die russischen Athleten zurückkehrten in den Wettkampfbetrieb, auch unter ihren eigenen Farben.“

          Doch zunächst werde das Council grundsätzlich über das Verhalten des russischen Verbandes und die Bedingungen diskutieren, unter denen neutrale Athleten zugelassen werden sollen. „Man kann Athleten nicht teilnehmen lassen“, sagte Coe, „wenn man nicht die absolute Überzeugung hat, dass ihre Leistungen nicht von einem schwächelnden Verband profitieren.“ Er erwarte auf der Ratssitzung von den Russen zufriedenstellende Antworten zu den Verfehlungen ihrer Vorgänger.

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