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Doping-Kommentar : Das Regiment der Maßlosen

Zweifel an Usain Bolts Leistung? Nicht bei Lamine Diack (rechts) Bild: AP

Die neue Doping-Dokumentation der ARD macht eines deutlich: Sportverbände haben sich zu maß- und skrupellosen Vermarktungsmaschinen entwickelt. Den Preis dafür zahlen die Athleten.

          Es ist die zweite spektakuläre Doping-Dokumentation des deutschen Fernsehens seit Dezember – und die Verantwortlichen in den Organisationen des Sports fallen entweder aus allen Wolken oder schweigen beharrlich weiter. Da kann man mal nachdenken, welche Aufgabe Sportverbände eigentlich haben. Von Organisationen zur Gestaltung von Regeln und zur Veranstaltung von Meisterschaften, letztlich der Selbstorganisation von Sportlern, haben sie sich zu Veranstaltungs- und Vermarktungsmaschinen entwickelt.

          Ihren Erfolg messen sie in Umsatz, Fernsehpräsenz, Reichweite. Kein Wunder, dass sie an Rekorden, an Rekordathleten interessiert sind. Wie Lamine Diack, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), der Weltrekord-Prämien eingeführt hat. Der gern versichert, nicht Zweifel seien angebracht bei Usain Bolts Leistungen, sondern Bewunderung – und der wie die von seinem Verband eingesetzte Ethikkommission zum seit acht Monaten bekannten Ausscheiden seines Anti-Doping-Experten Gabriel Dollé und allen Korruptionsvorwürfen gegen dessen Abteilung schweigt.

          Wie Julio César Maglione, der Präsident des Schwimm-Weltverbandes Fina, der Wunder-Schwimmer Michael Phelps so dringend bei der WM in Kasan haben wollte, dass er ihm, obwohl der amerikanische Verband ihn wegen Alkohols am Steuer gesperrt hatte, eine Wild Card anbot. Phelps hatte so viel Anstand zu verzichten. Dafür ist der chinesische Doper Sun Yang dabei, dessen Sperre so knapp geschnitten war, dass er schon bei den Asien-Spielen wieder starten konnte und sich dort der Hilfe des Arztes bediente, der wegen des Dopings an ihm noch gesperrt war. Am Sonntag wurde er ganz locker Weltmeister über 400 Meter Freistil.

          Was das Fernsehen nun der IAAF vorwirft, löst „Verstörung aus und erschüttert das Fundament sauberer Athleten weltweit“. Die Worte stammen von Craig Reedie, der als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) dafür sorgen soll, dass es just dazu nicht kommt. Die australischen Experten Ashenden und Parisotto leiten für das Fernsehen aus internen Analyseprotokollen der IAAF ab, dass die Laufdisziplinen in einem Ausmaß von Doping beherrscht werden, das an die Tour de France der neunziger Jahre erinnert.

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          Hier zeigt sich ein Schema. Warum sollte, wenn denn Betrug in solcher Dimension möglich ist, die Leichtathletik allein betroffen sein? Und warum gibt sich Reedie erschüttert, wenn doch seit Anfang des Jahres eine Sonderkommission der von ihm geführten Wada ermitteln soll, was in Russland los war und ist?

          Gewiss ist es ein Fortschritt, dass Sportlerinnen und Sportler für ihre Leistungen belohnt werden, aus Armut zu Reichtum aufsteigen können. Doch der Rahmen, in dem sie glänzen wollen und sollen, ist offenbar verzogen und verzerrt. Ob Verbände im staatlichen Auftrag Triumphe produzieren wie in Russland, ob Funktionäre das System aus Macht- oder Geldgier korrumpieren wie in Nairobi und in Monte Carlo, ob Sportorganisationen ihre Meisterschaften meistbietend verscherbeln und zu Freak-Shows deformieren: Den Preis zahlen die Besten aus allen Ländern. Die einen werden um den Lohn ihres Einsatzes betrogen, die anderen riskieren, nicht selten freiwillig, ihr Ansehen und ihre Gesundheit. Es gilt, die Maßlosigkeit von Staaten, Verbänden und Verbandsfürsten zu benennen und zu bekämpfen. Was sie fordern, zulassen und fördern, offenbart eine alarmierende Skrupellosigkeit.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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