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Blut-Doping-Affäre : Claudia Pechsteins Forderung an Robert L.

„Endlich eine öffentliche Reaktion von Dir!“: Claudia Pechstein wendet sich via Facebook an den ehemaligen Teamkollegen Robert L. Bild: dpa

Der mutmaßliche Blut-Doping-Anbieter Dr. Mark S. belastet einen deutschen Eisschnellläufer. Die Last der vielen Fragezeichen über der Sportart und dem Berliner Olympia-Stützpunkt wird einer nun zu viel.

          Welchen deutschen Eisschnellläufer hat der mutmaßliche Blut-Doping-Anbieter Dr. Mark S. mit seinen Aussagen belastet? Seit einem Bericht der ARD-Sportschau vom 25. März über die Anschuldigung war der Kreis der Verdächtigen nicht eben groß. Die Zahl der deutschen Olympia-Teilnehmer in dieser Sportart in den vergangenen Jahren ist sehr überschaubar, die noch aktiven, bekannteren Sportler Nico Ihle und Patrick Beckert erklärten schnell, von S. vor den Razzien und Festnahmen der „Operation Aderlass“ in Seefeld und Erfurt am 27. Februar noch nie gehört zu haben. Ohnehin wird der Kreis verdächtiger Eisschnellläufer zusätzlich durch die Tatsache eingeschränkt, dass der Betroffene seine Karriere als Sportler beendet hat.

          Die Zusammenarbeit mit Dr. S. liegt Jahre zurück, das macht die Angelegenheit aus juristischer Sicht für die Staatsanwaltschaft München nicht brennend interessant – sie ist verjährt aus strafrechtlicher Sicht. Für die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) in Bonn allerdings schon, ihr ist der Betroffene namentlich bekannt, sie prüft, ob sie ein Verfahren einleitet. Am Dienstagabend berichteten der RBB und der MDR, es handele sich um Robert L., heute 35 Jahre alt, langjähriger Weltcup-Starter, Olympia-Teilnehmer in Turin 2006, 2010 in Vancouver und 2014 in Sotschi, zum damaligen Zeitpunkt auch Athletensprecher in der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), inzwischen Trainer am Olympiastützpunkt in Berlin-Hohenschönhausen.

          Der Verband reagierte am Dienstag mit einer Stellungnahme, die wie ein Dementi beginnt: „Mit großer Sorge“, heißt es, habe man die „mediale Bekanntgabe“ des Namens zur Kenntnis genommen. Allein: Ein Dementi folgt nicht, einzig ein Verweis auf die Handlungshoheit der Nada und die Unschuldsvermutung. Lars Mortsiefer, der Vorstand der Nada, sagte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er könne den Namen weder bestätigen noch dementieren. Christopher Sell, L.s Berliner Anwalt, sagte am Telefon, er sage „grundsätzlich nichts dazu“, und gefragt, ob und wann sich das in Zukunft ändern könnte, ergänzte er: „Das ist überhaupt nicht absehbar.“

          L. selbst, in Erfurt geboren und Mitglied des ESC Erfurt, hat eine Kontaktaufnahme der F.A.Z. bislang nicht beantwortet. Schon das Interesse der Nada an der Aussage des Hauptverdächtigen S. spricht dafür, dass der angebliche Kunde weiterhin eine Rolle im Sport spielt – Ermittlungen gegen ehemalige Sportler, die sich nach Karriereende auf andere Branchen verlegt haben, wären sinnlos. Die Doping-Fahnder stehen allerdings vor dem grundsätzlichen Problem, etwaige Behauptungen von Dr. S. auch für den Fall belegen zu müssen, dass der oder die genannten Sportler jedwede Zusammenarbeit abstreiten. Welche Beweise für eine Zusammenarbeit vor fünf, sechs, sieben oder acht Jahren gibt es noch? Bekannt ist, dass mindestens 21 Sportler aus acht Ländern Kunden bei Dr. S. gewesen sein sollen.

          Die Last der vielen Fragezeichen über dem deutschen Eisschnelllauf und dem Berliner Olympia-Stützpunkt wurde einer schon am Mittwochmittag zu viel. Claudia Pechstein schrieb bei Facebook: „Hallo Robert L.“, garniert mit einem roten Ausrufezeichen. In dreizehn Absätzen fordert die 47-Jährige, L. hätte sich längst „durch eine klare öffentliche Positionierung“ erklären müssen. Es erwarteten „alle, die unseren Sport lieben, endlich eine öffentliche Reaktion von Dir! Auch ich als Deine langjährige Teamkollegin.“ Es gehe um „viel mehr“ als das Einzelschicksal.

          Claudia Pechstein hatte vor Olympia in Sotschi 2014, nach ihrer Sperre wegen auffälliger Blutwerte und der von ihr als Erklärung dargelegten ererbten Blutanomalie, mit der Unterstützung ihres Lebenspartners Matthias Große das Team „Mission Sochi 2014“ gegründet, für das sie damals mit einem Geländewagen der KfZ-Übergrößen-Marke Hummer Werbung machte. Neben zwei weiteren Berliner Eisschnellläuferinnen einziges männliches Mitglied der „Mission Sochi“: Robert L., der wie Claudia Pechstein bei André Unterdörfel in Berlin trainierte. Die Olympia-Mission am Schwarzen Meer verlief für L. ebenso mäßig erfolgreich wie die Teilnahmen in Turin und Vancouver: Er wurde 27. über 1500 Meter.

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