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Doping-Kommentar : Heuchler und Selbstkrauler

  • -Aktualisiert am

„Wenn ich bei einem amerikanischen Wettkampf starte, weiß ich, dass wir alle sauber sind“: Michael Phelps. Bild: dpa

Doping ist allgegenwärtig, der Hochleistungssport nirgendwo sauber. Daran ändern auch lächerliche Selbstreinwaschungen vor Politikern nichts – wie nun mit Rekordschwimmer Michael Phelps.

          Der Heimvorteil ist etwas Schönes im Sport. Ein Kuschelfaktor, den man genießen und mit dem man gleichzeitig punkten kann. Und das gilt nicht nur für Fußball- oder Tennismannschaften, sondern auch für Redner und Schwätzer. Auch und gerade mit Verbal-Pässen und Argumentations-Lobs hat man zu Hause deutlich höhere Erfolgschancen: Es wird einem viel eher geglaubt.

          So durfte am Dienstag etwa Michael Phelps, der in der doping-verseuchten Sportart Schwimmen 23 olympische Goldmedaillen gewonnen hat, frei von der Leber weg behaupten: „Wenn ich bei einem amerikanischen Wettkampf starte, weiß ich, dass wir alle sauber sind.“ Nur in einem internationalen Feld sei er misstrauisch. Das alles sagte der doping-technische Selbstkrauler beim Hearing eines amerikanischen Kongressausschusses, und zwar unwidersprochen.

          Bei gleicher Gelegenheit beklagte sich sein pausbäckiger Landsmann Adam Nelson, der bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen zunächst die Silbermedaille gewonnen hatte, bitter darüber, dass er erst neun Jahre später das Gold überreicht bekam. Der ursprüngliche Sieger, ein Ukrainer, war nachträglich des Hormon-Dopings überführt worden. Nelson himself war angeblich sein Leben lang sauber. Wobei wir noch seine Sportart erwähnen müssen: Er ist Kugelstoßer.

          Kugelstoßer Adam Nelson bekam nachträglich Gold bei Olympia 2004.

          Klar, Nelsons Doping-Tests fielen immer negativ aus. Genau wie viele, viele Proben von dem polytoxikomanen Radler Lance Armstrong, der meineidigen Sprinterin Marion Jones und der weiteren Kundschaft des kalifornischen Doping-Service-Labors Balco, das einst von einem Denunzianten verpfiffen wurde. Auch die seltsamen therapeutischen Ausnahmegenehmigungen für amerikanische Athleten, die jüngst wahrscheinlich von russischen Hackern aus dem Netz gezogen wurden, waren bei der Anhörung im Übrigen nicht der Rede wert.

          Apropos Russen: Dass an dieser Stelle zunächst von Amerikanern die Rede ist und wir erst jetzt zu den russischen Athleten kommen, hat seinen Grund. Nach allem, was wir aus dem McLaren-Bericht wissen, den die Welt-Anti-Doping-Agentur in Auftrag gegeben hat, gab es in Russland jahrelang ein staatlich gelenktes Doping-System. Und darum wäre es überzeugender gewesen, Russland wäre von den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr in Rio ausgeschlossen worden. Aber wären dadurch die Spiele sauber geworden? Keineswegs! Denn der Hochleistungssport ist nirgendwo sauber. Daran ändern auch lächerliche Selbstreinwaschungen vor Politikern nichts.

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