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Schattenseiten des Sports : Doping? Bringt doch nichts!

Erfolgreicher Tennisspieler: Dominic Thiem, hier in Paris Bild: AFP

„Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen.“ Wer hat das wohl gesagt? Die Antwort überrascht und zeigt, dass sich in den vergangenen 20 Jahren nichts geändert hat.

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          Herbstzeit, Rätselzeit. Nichts ist schöner als eine gepflegte Raterunde, wenn es draußen ungemütlich wird. Außerdem ist Anti-Doping-Konferenz in Kattowitz, zum zwanzigjährigen Jubiläum der Welt-Anti-Doping-Agentur, da schauen wir doch mal, was die Sportfreunde in der Kategorie Doping zu bieten haben. Also: wer hat‘s gesagt?

          „Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen. Wir werden oft kontrolliert. Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde.“ Klingt so – bekannt? Ist ja auch ein wunderbares Zitat. Ein wahrer Klassiker, nicht auf einer, nicht auf zwei, nein, auf gleich drei Ebenen. Schauen wir uns die Argumentationskette noch einmal in der Zeitlupe an. Doping? Keinesfalls! Denn, erstens: Saubere Topspieler, kein Zweifel, Hand im Feuer. Außerdem, zweitens: So viele Kontrollen, eh klar. Und drittens, Trommelwirbel, Doping bringt doch sowieso nichts.

          Fußball, Leichtathletik, Tennis?

          Klingt verdächtig nach Fußball? Klingt wie – ja, genau, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der Mannschaftsarzt der Bayern – und damals auch noch bei der Nationalmannschaft – hatte im vergangenen Jahr in der „Zeit“ erst „mit beiden Händen“ für seinen Patienten Usain Bolt gebürgt und dann Doping im Fußball ausgeschlossen, denn: „Es würde ihnen auch nichts bringen“. Und: „Im Übrigen gibt es auch sehr viele Kontrollen.“ Wie gesagt: ein Klassiker.

          Aber Müller-Wohlfahrt war es dieses Mal nicht. Es geht gar nicht um Fußball. Nein, der Mann mit der Hand im Feuer und dem Insiderwissen, dass Doping in seinem Sport nun wirklich nicht weiterhilft, ist Tennisspieler Dominic Thiem. Das Zitat stammt aus einem Interview mit dem Magazin „Socrates“. Der Österreicher, Nummer fünf der Welt, hat sich in seiner Karriere rund 20 Millionen Dollar Preisgeld erspielt, in diesem Jahr allein knapp sechs Millionen. Summen, die nur absolute Laien für einen Doping-Anreiz halten können.

          Tatsächlich wirken die Millionen vermutlich abschreckend, wer wollte denn ernsthaft so viel Geld durch den Griff zu leistungssteigernden Mitteln in Gefahr bringen wollen? Zudem, was sollte die Manipulation des eigenen Körpers bringen in einem Sport, in dem die Stars der Branche von Januar bis Ende November um die Welt jetten, Tag ein, Tag aus auf dem Platz stehen und, zum Beispiel, nach zwei Wochen in Wimbledon ein Finale spielen, das vier Stunden, siebenundfünfzig Minuten dauert und nach zwei Wochen in New York eines, das nach vier Stunden, fünfzig Minuten endet? Nichts natürlich.

          Jedenfalls in der Welt, in der Andre Agassi nie über seinen Methamphetamin-Konsum geschrieben hat und seine vertuschte positive Doping-Probe. In der es keine schlechten Witze gibt über den weißen Sport, weil es eben auch keine Sportler gibt, die erklären sollen, wie die Koksspuren in die Doping-Probe gekommen sind.

          In der anderen Welt aber, der echten, gibt es Jahr ein, Jahr aus Sportler, Funktionäre, Ärzte, die sich in Sachen Doping womöglich nie etwas zu schulden kommen lassen – und die Öffentlichkeit trotzdem für dumm verkaufen. Da hat sich nichts geändert, zwanzig Jahre nach Gründung der Wada.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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