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Die westdeutsche Vergangenheit : Doper, vereint Euch

Bild: picture-alliance/ dpa

Doping - nur ein Ostproblem? Wer die deutsche Schluckhistorie verstehen will, muss dem Dopingalltag in der Bundesrepublik während des Kalten Krieges auf die Spur kommen. Anabolika-Einnahme war auch im organisierten Sport der freieren Deutschen weit verbreitet und Teil eines Systems.

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          Die Stasi macht den Unterschied aus. Sie hat alles aufgeschrieben. Das ganze staatliche Doping der DDR, Zahlen, Daten, Namen. Auch deshalb stehen Trainer wie Werner Goldmann jetzt am Pranger. Nur die Wessis nicht. Dabei war die Anabolika-Einnahme auch im organisierten Sport der freieren Deutschen weit verbreitet und Teil eines Systems. Namhafte Athleten, bekannte Trainer, berühmte Ärzte, gefürchtete Kontrolleure und starke Funktionäre (sowie wohl auch einflussreiche Politiker) haben es heimlich genutzt, geduldet, kaschiert, gefördert. Über die Wahrheit aber reden nur wenige. Der Olympiasieger macht keine Umstände. Erster Kontakt, erstes Gespräch, direkte Ansage: „Nennen Sie meinen Namen?“ Nein. Denn es geht nicht um Personen, es geht um die Frage, ob es ein Doping-System gab in der Bundesrepublik. „Keine Ahnung“, sagt der Goldmedaillengewinner von 1984, „ich weiß nur eines, sie haben es alle gewusst.“ Sie? Das sind seine Kollegen gewesen, dazu der Heimtrainer, der Chef der Nationalmannschaft, der Verbandsboss.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Medaillen brauchte das Land - um jeden Preis

          „Es war klar, dass es nicht ohne Pillen ging. Bei denen im Osten schien es etwas kontrollierter gewesen zu sein. Im Grunde waren wir auf gleichem Niveau. Was die Pillen betraf.“ Damals im Kalten Krieg der Achtziger, als hüben wie drüben das Hohelied auf den sauberen Sport gesungen wurde. „Ich werde nicht genannt?“ Nein. „Na, dann kann ich ja sagen, dass bei der sportärztlichen Untersuchung auch geschaut wurde, ob die Leberwerte in Ordnung waren. Manchmal“, sagt der muskelbepackte Sportpensionär, „wurde ich vom Doc aufgefordert, etwas Gas rauszunehmen.“

          Olympia-Arzt Joseph Keul (Aufnahme 1998 in Nagano) verteidigte bis zu seinem Tod 2000 vehement die These: „Testosteron bringt nichts”

          Ärzte haben mitgemischt. Nach den offenen Plädoyers manch renommierter Sportmediziner für den kontrollierten Einsatz von Anabolika, ihren Beteuerungen, die Kraftpillen schadeten nicht, verebbte die Debatte nach 1977 schlagartig. Athleten, die gestanden hatten, um Doping mit vereinten Kräften loswerden zu können, zogen sich, verleumdet, beleidigt und ausgeklammert von der Sportfamilie, zurück. Es blieben Grundsatzerklärungen gegen Doping, die das Papier nicht wert waren, weil der Ost-West-Konflikt die Leistungsfetischisten stützte: Medaillen brauchte das Land. Offenbar um jeden Preis.

          Forschung am Athleten zum Wohle der Leistungsbilanz

          Auch im Namen der Bundesrepublik ist zum Wohle der Leistungsbilanz am Athleten geforscht worden. Olympiaarzt Professor Joseph Keul leitete in Freiburg eine 1986 begonnene multizentrale Studie über die Wirkung von Testosteron auf die Regeneration und Ausdauerleistungsfähigkeit bei Spitzensportlern. Sein bis zum Tode im Jahr 2000 von ihm vehement verteidigtes Ergebnis: „Testosteron bringt nichts.“

          So antwortete auch die Bundesregierung 1991 mit Keul-Diktion auf die kleine Anfrage empörter Parlamentarier. 298.500 Mark hatte der Steuerzahler investiert, um dem Freiburger und seinen namhaften Professoren-Kollegen Heinz Liesen (Paderborn) und Wilfried Kindermann (Saarbrücken) den Einsatz verbotener Substanzen im Sport im Sinne der Wissenschaft zu ermöglichen. Schon damals zweifelten Athleten. Die eingeladenen Langläufer des damaligen C-Kaders, Stefan Alraun und Peter Schlickenrieder, verzichteten lieber auf das Honorar in Höhe von 1000 Mark: „Wir haben nicht teilgenommen, weil wir nicht ausschließen konnten, dass verbotene Substanzen eingesetzt wurden, deren ,Nichtwirksamkeit' man zwar in der Studie beweisen wollte. Aber aus meiner Sicht stellte das ein inakzeptables Unterfangen dar“, schreibt Schlickenrieder, heute Vizepräsident im Deutschen Ski-Verband.

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