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Doping in Russland : Vorwürfe, Hilfsangebot und Dementis

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Zieht der Nebel auf oder lichtet er sich? Ein Bild von den Olympischen Winterspielen 2014 Bild: dpa

Das Image russischer Leistungssportler ist auf dem Tiefpunkt. Immer neue Dopingvorwürfe zerstören auch letzte Reste von Glaubwürdigkeit. Der Weltsport muss nun Farbe bekennen, ob Russland überhaupt noch einen Platz in der olympischen Familie hat.

          Zwölf Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro verliert die Sportnation Russland angesichts neuer Doping-Enthüllungen vollends an Glaubwürdigkeit. Grigori Rodschenkow, ehemals Chef des russischen Doping-Kontrolllabors, spricht öffentlich über ein ausgeklügeltes, staatliches Dopingsystem, das bei den Winterspielen in Sotschi 2014 maßgeblich zum Erfolg beigetragen haben soll. Die Welt-Anti-Doping-Behörde Wada ist erneut alarmiert und will den jüngsten Enthüllungen umgehend nachgehen.

          Für den DOSB-Vorstandsvorsitzenden Michael Vesper sind die neuen Vorwürfe gegen Russland wegen staatlich gelenkter Dopingpraktiken „erschreckend und ein Tiefschlag für die ganze olympische Bewegung“. Der Deutsche Olympische Sportbund forderte am Freitag von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eine schnellstmöglich und rückhaltlose Aufklärung.

          „Sollten russische Offizielle wirklich systematisch Dopingproben verfälscht haben, um Doping ihrer Sportler zu vertuschen, wäre das ein Skandal, der zu härtesten Konsequenzen führen müsste“, sagte Vesper. Es gehe darum, die Chancengleichheit für alle Athleten zu wahren, und das insbesondere auch bei den bevorstehenden Spielen in Rio.

          Aus Frankreich kommt die Forderung, Russland von den Sommerspielen auszuschließen. „Die internationalen Sportbehörden, ich denke insbesondere an das IOC, müssen sehr, sehr hart zuschlagen. Das kann so nicht weitergehen“, sagte der Chef des französischen Leichtathletik-Verbandes FFA, Bernard Amsalem, am Freitag dem Radiosender France Info. „Ich empfehle, dass man die Russen daran hindern muss, an den Olympischen Spielen von Rio teilzunehmen, egal welcher Sport.“

          Russlands Leichtathleten stehen derzeit unter verschärfter Beobachtung. Im November hatte die IAAF Russlands Leichtathletikverband suspendiert und auf einen Wada-Bericht über systematisches Doping reagiert. Die RVereinigten Staatenda, Russlands Anti-Doping-Behörde, steht im Verdacht, bei der Vertuschung von Manipulationen beteiligt gewesen sein. Am 17. Juni will die IAAF darüber entscheiden, ob der Olympia-Bann gegen Russland aufgehoben wird.

          Kronzeuge bietet IOC Hilfe an

          Der Kronzeuge Rodschenkow bot dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) Hilfe bei der Aufklärung an. Rodschenkow schrieb entsprechend an IOC-Präsident Thomas Bach und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Der Brief liegt der US-Nachrichtenagentur AP vor.

          Der Informant: Grigori Rodschenkow

          Rodschenkow bezeichnet sich selbst als Vater des staatlichen Dopingprogramms. Bei den Winterspielen 2014 in Sotschi seien 15 russische Medaillen-Gewinner gedopt gewesen. Mit Hilfe gefälschter Urinproben sei das Doping verschleiert worden, sagte Rodschenkow in der „New York Times“ (Donnerstag).

          Nur er selbst könne die gefälschten Urinproben identifizieren. Er schlug vor, diese Überprüfung filmen zu lassen. Rodschenkow arbeitet derzeit an einem Dokumentarfilm über Doping in Russland. „Russische Athleten, die mit großer Wahrscheinlichkeit gedopt waren, kamen unentdeckt im zweifellos größten Betrug im Sport aller Zeiten davon“, hieß es in dem Brief.

          Keiner der russischen Athleten war in Sotschi des Dopings überführt worden. Das Team gewann bei den Winterspielen 33 Medaillen.

          Ebenfalls unter Verdacht: Alecander Legkow

          In dem Bericht der „New York Times“ schilderte Rodschenkow, wie Monate vor den Spielen Athleten saubere Urinproben abgegeben und dann begonnen hätten zu dopen. Während der Spiele seien dann die Urinproben von Dopingsündern gegen saubere ausgetauscht worden. Rodschenkows Aussagen können bislang nicht unabhängig bestätigt werden.

          Dementis aus Russland

          Den Vorwürfen folgten prompt Dementis aus Russland. Die Olympiasieger Alexander Subkow und Alexander Legkow wiesen die Einnahme verbotener Substanzen zurück. „Das ist eine absolute Verleumdung der Sportler der russischen Nationalmannschaft und auch von mir“, sagte Subkow, der 2014 in Sotschi im Vierer- und Zweierbob Gold gewann, der russischen Zeitung „Sport Express“.

          Langlauf-Olympiasieger Legkow sieht die Vorwürfe gelassen. „Rufen Sie meine Trainer an und fragen Sie, wie wir in jenem Jahr trainiert haben“, sagte Legkow.

          Die neue Enthüllungen alarmieren die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. In einer Erklärung nach einer Sitzung des Stiftungsrates in Montreal vom Donnerstag (Ortszeit) hieß es: „Seien Sie versichert, dass sich die Wada umgehend mit diesen zusätzlichen Anschuldigungen beschäftigen wird.“ Der Stiftungsrat ist höchstes Entscheidungsgremium der Agentur.

          Unter Verdacht - der Mann ganz rechts: Alexander Subkow (r.) durfte bei der Schlussfeier von Sotschi noch ganz nah bei den Mächtigen stehen

          Rodschenkow sagte, er habe viele Jahre mit Dopingmitteln experimentiert. Schon vor den Olympischen Spiele in London 2012 habe er einen Cocktail aus drei verbotenen, leistungssteigernden Substanzen entwickelt. Seither sei dieser an russische Sportler gegeben worden.

          Russland sah Chance für Dopingplan

          Zwei Jahre später, in Sotschi, lag die Überwachung der Dopingproben dann beim russischen Kontrolllabor. Das Sportministerium habe die Chance gesehen, einen systematischen Dopingplan zu erstellen.

          Im Herbst 2013 habe der russische Geheimdienst FSB begonnen, Rodschenkows Labor Besuche abzustatten, schreibt die „New York Times“. Das sei offensichtlich geschehen, um sich genau über die Behälter von Dopingproben und deren Verschlusssysteme zu informieren.

          Nach den Doping-Enthüllungen durch die ARD im vergangenen Jahr sei Rodschenkow unter Druck geraten. Er sei dazu gezwungen worden, seinen Job aufzugeben, bekam Angst um seine Sicherheit und ging nach Los Angeles. In den Vereinigten Staat schilderte er nun die Ereignisse dem Filmemacher Bryan Fogel in einem Interview.

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