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Neue Doping-Methoden : „Da ist was im Heuhaufen. Viel Spaß beim Suchen!“

Wer es beim Dopen wirklich drauf anlegen will, hat gute Chancen unentdeckt zu bleiben Bild: dpa

Dopen, ohne ertappt zu werden? Kein Problem, sagt zumindest Hellmut Mahler. Im Interview spricht der Kriminaltechniker über neue Designerstoffe aus dem Internet, die Machtlosigkeit der Analytiker – und Athleten als Allesfresser.

          6 Min.

          Sind halbwegs clevere Doper nicht zu entdecken?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ja, das ist richtig, insbesondere, wenn sie neue oder gar unbekannte Designer-Doping-Stoffe wählen. Wir haben in der Kriminaltechnik schon vor Jahren erkannt, dass sich die gesamte Situation auf dem Gebiet der Synthese von Stoffen, die zu einer Beeinflussung der Psyche, zur Berauschung, zur Leistungssteigerung oder selbst nur als Grundstoffe für Synthesen genutzt werden können, drastisch geändert hat. Früher war es nicht möglich, Substanzen auf Wunsch zu erhalten. Man musste sie selbst synthetisieren oder aufwendig nach entsprechend ausgebildeten Personen suchen, die das für einen machten.

          Wie ist es heute?

          Es ist viel einfacher geworden. Über das Internet lassen sich Syntheselabore zum Beispiel in China oder Indien leicht ausfindig machen, die im Auftrag praktisch jeden gewünschten Stoff herstellen. Das allein ist nichts Neues für uns Kriminaltechniker. Aber die Dimension, die das angenommen hat, ist neu. Es läuft im Augenblick, ich zitiere den Pharmakologen Professor Fritz Sörgel, der „größte Menschenversuch aller Zeiten“ auf dem Gebiet des Drogenkonsums.

          Wie meinen Sie das?

          Es gibt eindeutige Hinweise, dass alle möglichen Substanzen, die hergestellt werden mit der Option, irgendeine Wirkung auszulösen, auch weitgehend konsumiert werden. Unter den Konsumenten gibt es „Omnivoren, also Allesfresser“, die sich selbst so bezeichnen, weil sie tatsächlich viele Verbindungen aus diversen Substanzgruppen ausprobieren. Von jeder Gruppe an Stoffen, die einen Rausch auslösen, sind auch Designerstoffe zu erhalten.

          Dr. Hellmuth Mahler

          Und diese Erkenntnis lässt sich auf die Doping-Szene übertragen?

          Natürlich. Nehmen wir einmal die Induktoren der EPO-Synthese, zu denen die Verbindung FG-4592 zählt. In einem Vortrag habe ich gezeigt, dass es zu dieser neuartigen, noch nicht zugelassenen Verbindung nicht nur diverse noch neuere, gleichartig wirkende Stoffe gibt, sondern dass sieben dieser Stoffe allesamt schon regulär zu kaufen sind - viele weitere werden gerade erforscht. Wenn man jetzt nur eine geringe Änderung an einem dieser Moleküle in Auftrag gibt und das Zeugs dann einwirft, verunmöglicht man den Nachweis, weil dieser minimal veränderte Stoff zwar noch die gewünschte Wirkung zeigt, aber niemandem bekannt ist. Und für solche „Veränderungen“ gibt es Hunderte oder Tausende von Möglichkeiten - und diese für fast jedes einzelne dieser Mittel.

          Wie ich es gerne ausdrücke: Sie können zwar mit Glück und Geschick die Nadel im Heuhaufen finden, aber nicht irgendetwas, von dem sie nicht wissen, was es ist. Irre Aufgabe an den analytischen Detektiv: Da ist was im Heuhaufen, das war vorhin nicht drin - viel Spaß beim Suchen! Oder nehmen Sie den Fall der Myostatin-Inhibitoren (Sie sollen die natürliche Begrenzung des Muskelwachstums hemmen, Anm. d. Red.). Auf Bodybuilding-Messen und im Web wird bereits mit entsprechenden Produkten geworben. Das mag überwiegend nur ein Werbeversprechen sein. Aber das Signal ist eindeutig: Mach Doping, das ist gut, Hauptsache, die Muskeln wachsen. Das ist ein Slogan, der sich auch auf den Breitensport auswirkt. Viele Menschen wollen ihren Körper verändern, nur um besser aussehen zu können. Die Versuchung zur chemischen Unterstützung ist groß, auch wenn Schädigungen oder gar eine Lebensverkürzung nicht auszuschließen sind. Diese Menschen gehen enorme Risiken ein.

          Warum?

          Schauen Sie sich die Geschichte von Melanotan II an, welches zur Bräunung der Haut eingesetzt wird. Es wurde von einem Pharmaunternehmen entwickelt, ist aber nie freigegeben worden wegen unerwünschter Nebenwirkungen. Und trotzdem wird es von Bodybuildern gespritzt. Das ist nicht zu fassen. Das Produkt wird inzwischen von irgendeiner Firma ohne nachvollziehbare und überwachte Qualität auf den Markt geworfen. Und viele Menschen, auch manche Bodybuilder, spritzen sich die Substanz, weil sie sich wegen ihrer dünnen Haut nicht mehr auf die Sonnenbank legen wollen. Wenn ein Mensch bereit ist, Mittel zu spritzen, die von irgendjemandem unter irgendwelchen Bedingungen hergestellt wurden, nur um braun zu werden: Was tut er dann, wenn es um seine Leistungsfähigkeit geht, um Erfolge, Siege, um ein Lebensziel?

          Gefallener Held: Lance Amstrong galt als einer der besten Profi-Radrennfahrer der Welt, bis er er des Dopings überführt wurde.

          Das Risiko, erwischt zu werden, könnte ihn abhalten.

          Eben nicht. Und das ist der Unterschied zu früher. Es gibt ein Meer von möglichen Designer-Stoffen, Millionen und Abermillionen denkbarer Verbindungen, die niemand kennen kann. Und das beziehe ich jetzt mal nur auf eine einzige Gruppe von Stoffen, etwa die Stimulanzien von Erythropoietin (Epo), das die zum Sauerstofftransport nötigen Blutzellen produziert. (Epo wird nicht nur im Ausdauersport zur verbotenen Leistungssteigerung weltweit von Athleten eingesetzt/Anm. d. Red.). Die Schere zwischen Entdeckungsrisiko und vordergründigem Nutzen ist einfach zu weit offen.

          Warum ist so ein Epo-Stimulanz kaum zu entdecken?

          Weil solche neu designten Stoffe auch für die Analytiker in den Laboren unbekannt sind. Sie wissen nicht, wonach sie suchen sollen. Wir Analytiker sind immer weiter ins Hintertreffen geraten. Wie schwierig es ist, einen unbekannten Stoff zu entdecken, lässt sich am Beispiel des Rauschmittels Spice mit Designer-Cannabinoiden als Wirkstoffen erklären. Bis zu ihrer Entdeckung 2008 waren diese schon lange auf dem Markt. In der Schweiz und Deutschland haben Labore über Monate fieberhaft in diversen Kräutermischungen nach dem Wirkstoff gesucht. Viele ahnten, dass hier irgendein potenter Wirkstoff drin sein muss - manche hatten sogar schon das entsprechende Signal gesehen, aber nicht erkannt, was es bedeutet. Der Stoff befand sich im Promille- bis Prozentbereich in den „Kräutern“, das ist sehr viel. Trotzdem ist es den Laboren lange nicht gelungen, den Nachweis zu führen. Das gelang erst nach einem aufwendigen Selbstversuch in Freiburg beziehungsweise einem Glücksfall in Frankfurt. Und dann waren es gleich mehrere Stoffe - heute sind es Hunderte. Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied zur Doping-Problematik: Wir Forscher wussten von der Art des Rauschmittels und hielten es quasi in den Händen. Hätten wir nur Blut oder Urin zur Untersuchung erhalten, dann hätten wir eben höchstens ein Millionstel der in den Kräutern enthaltenen Menge finden müssen und würden wohl noch heute suchen.

          Dr. Hellmut Mahler: „Über das Internet lassen sich Syntheselabore zum Beispiel in China oder Indien leicht ausfindig machen, die im Auftrag praktisch jeden gewünschten Stoff herstellen.“

          Was heißt das?

          Der Analytiker kann ohne Wissen, nach was er suchen soll, im Mikrospurenbereich keine Entdeckung und Strukturaufklärung leisten. Die Entdeckung einer synthetisierten, nicht bekannten Epo-Stimulanz wäre nur durch einen Zufall möglich. Jedes Labor muss das zugeben. Wenn jeder Mensch sein eigenes Designer-Doping-Mittel produzieren lassen kann, dann ist der beste Analytiker aufgeschmissen, solange er keine Spritze oder Tablette in Händen hat, sondern nur eine Urin- und eine Blutprobe. Das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern.

          Kann auch eine Privatperson eine Designer-Substanz herstellen?

           Ja, aber das ist nicht so einfach. Als Chemiker würde man das wohl hinbekommen, man könnte ein paar Sportler versorgen, und niemand käme einem auf die Schliche. Aber selbst herzustellen ist gar nicht mehr nötig. Über das Internet finde ich leicht einen Hersteller und kann ihn beauftragen, für mich eine Doping-Substanz zu synthetisieren. Eine Privatperson musste dazu vor ein paar Jahren etwa 50.000 Dollar oder mehr in die Hand nehmen. Dazu muss der Doper kein Naturwissenschaftler, sondern nur ein etwas belesener und ein findiger Mensch sein.

          Wenn ein Unternehmen davon weiß, dann ist doch die Entdeckungswahrscheinlichkeit nicht so gering.

           Nur wenn die beauftragte Firma auf die Idee käme, die designte Substanz noch jemand anderem anzubieten. Sie sollte nicht auf dem Schwarzmarkt auftauchen. Das könnte ein Doper steuern, indem er die ganze Produktion kauft und damit ausschließt, dass die Substanz auf Umwegen in die Hände von Analytikern kommt: Mit der Substanz in Händen hätten die kaum Probleme, einen Nachweis zu entwickeln. Ansonsten ist die Entdeckungswahrscheinlichkeit verschwindend gering. Vor allem, wenn der Doper seine Strategie ändert. Wenn er sich nach zwei Jahren entscheidet, einen anderen Stoff für sich herstellen zu lassen. Und sei es nur, um im Hintergrund eine Ersatzsubstanz zu haben. So ein Doper kann ja im Netz ständig nachschauen, ob seine Substanz irgendwo als verfügbar auftaucht. Und wie sähe es erst aus, wenn eine Organisation, ein Staat solches in die Wege leitet? Ohne Whistleblower hätte man wohl kaum eine Chance. Das ist natürlich kriminalistisch gedacht, aber ganz sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen.

          Auch bei den olympischen Spielen immer wieder ein Problem: unerlaubte Substanzen zur Leistungssteigerung.

          Wenn der Doper kaum entdeckt werden kann, so riskiert er aber sein Leben?

          Na und? Das ist doch längst bekannt, dass für den Erfolg gerne auch Lebenszeit geopfert werden würde - das zeigen Umfragen. Aber Sie haben natürlich recht, er riskiert sein Leben, und das sogar akut: Bei der Einnahme von synthetisierten Epo-Stimulanzien weiß der Doper zum Beispiel gar nicht, wie lange die Wirkung anhält. Das führt unter Umständen dazu, dass es zu einer lebensgefährlichen Blutverdickung kommt. Wenn es ein die Epo-Produktion des Körpers stimulierender Stoff ist, kann ich das vielleicht nicht mehr aufhalten. Das wäre wie ein Zug, der weiter beschleunigt, den man vielleicht bremsen, aber nicht stoppen kann. Das ist eine akute Gefahr, der man vielleicht mit einer langsamen Dosisanpassung entgegenwirken kann. Aber viele von diesen Stoffen sind überhaupt nicht erforscht. Niemand weiß zum Beispiel, ob sie nicht krebserregend sind. So wissen wir von vielen Designer-Cannabinoiden, dass sie es wahrscheinlich sind. Da sie geraucht werden, muss man zudem davon ausgehen, dass hierbei Stoffe entstehen, die noch krebserregender sein könnten. Hier kommt eine Welle an Erkrankungen und Leid auf die Konsumenten und die Gesellschaft zu, die wir so nicht hatten, die wir später auch nur schwer eruieren können, weil wir nicht wissen, was die Erkrankten früher wirklich konsumiert hatten. Das Gleiche gilt für dopende Sportler. Wenn wir nichts unternehmen, dann wird uns das über den Kopf wachsen.

          Was schlagen Sie vor? Mehr Analysengeräte, mehr Personal?

          Klar, her damit. Aber Scherz beiseite, das allein hilft ja nicht fundamental. Gefragt ist jetzt der Gesetzgeber, er muss Regeln schaffen, die der veränderten Situation, den neuen Möglichkeiten und den neuen Gefahren gerecht werden. Es werden Instrumente benötigt, um den Markt mit klassischen Mitteln der Kriminalistik kontrollieren zu können, und dazu bedarf es nunmal gesetzlicher Regelungen. Die Analytiker haben alles getan, was sie können, aber der Markt war schneller - jetzt gilt es ihn zu bremsen. Wir täten dem Staat, dem Sport, den Menschen damit Gutes.

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