https://www.faz.net/-gu9-8djqw

Neue Doping-Methoden : „Da ist was im Heuhaufen. Viel Spaß beim Suchen!“

Schauen Sie sich die Geschichte von Melanotan II an, welches zur Bräunung der Haut eingesetzt wird. Es wurde von einem Pharmaunternehmen entwickelt, ist aber nie freigegeben worden wegen unerwünschter Nebenwirkungen. Und trotzdem wird es von Bodybuildern gespritzt. Das ist nicht zu fassen. Das Produkt wird inzwischen von irgendeiner Firma ohne nachvollziehbare und überwachte Qualität auf den Markt geworfen. Und viele Menschen, auch manche Bodybuilder, spritzen sich die Substanz, weil sie sich wegen ihrer dünnen Haut nicht mehr auf die Sonnenbank legen wollen. Wenn ein Mensch bereit ist, Mittel zu spritzen, die von irgendjemandem unter irgendwelchen Bedingungen hergestellt wurden, nur um braun zu werden: Was tut er dann, wenn es um seine Leistungsfähigkeit geht, um Erfolge, Siege, um ein Lebensziel?

Gefallener Held: Lance Amstrong galt als einer der besten Profi-Radrennfahrer der Welt, bis er er des Dopings überführt wurde.

Das Risiko, erwischt zu werden, könnte ihn abhalten.

Eben nicht. Und das ist der Unterschied zu früher. Es gibt ein Meer von möglichen Designer-Stoffen, Millionen und Abermillionen denkbarer Verbindungen, die niemand kennen kann. Und das beziehe ich jetzt mal nur auf eine einzige Gruppe von Stoffen, etwa die Stimulanzien von Erythropoietin (Epo), das die zum Sauerstofftransport nötigen Blutzellen produziert. (Epo wird nicht nur im Ausdauersport zur verbotenen Leistungssteigerung weltweit von Athleten eingesetzt/Anm. d. Red.). Die Schere zwischen Entdeckungsrisiko und vordergründigem Nutzen ist einfach zu weit offen.

Warum ist so ein Epo-Stimulanz kaum zu entdecken?

Weil solche neu designten Stoffe auch für die Analytiker in den Laboren unbekannt sind. Sie wissen nicht, wonach sie suchen sollen. Wir Analytiker sind immer weiter ins Hintertreffen geraten. Wie schwierig es ist, einen unbekannten Stoff zu entdecken, lässt sich am Beispiel des Rauschmittels Spice mit Designer-Cannabinoiden als Wirkstoffen erklären. Bis zu ihrer Entdeckung 2008 waren diese schon lange auf dem Markt. In der Schweiz und Deutschland haben Labore über Monate fieberhaft in diversen Kräutermischungen nach dem Wirkstoff gesucht. Viele ahnten, dass hier irgendein potenter Wirkstoff drin sein muss - manche hatten sogar schon das entsprechende Signal gesehen, aber nicht erkannt, was es bedeutet. Der Stoff befand sich im Promille- bis Prozentbereich in den „Kräutern“, das ist sehr viel. Trotzdem ist es den Laboren lange nicht gelungen, den Nachweis zu führen. Das gelang erst nach einem aufwendigen Selbstversuch in Freiburg beziehungsweise einem Glücksfall in Frankfurt. Und dann waren es gleich mehrere Stoffe - heute sind es Hunderte. Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied zur Doping-Problematik: Wir Forscher wussten von der Art des Rauschmittels und hielten es quasi in den Händen. Hätten wir nur Blut oder Urin zur Untersuchung erhalten, dann hätten wir eben höchstens ein Millionstel der in den Kräutern enthaltenen Menge finden müssen und würden wohl noch heute suchen.

Dr. Hellmut Mahler: „Über das Internet lassen sich Syntheselabore zum Beispiel in China oder Indien leicht ausfindig machen, die im Auftrag praktisch jeden gewünschten Stoff herstellen.“

Was heißt das?

Der Analytiker kann ohne Wissen, nach was er suchen soll, im Mikrospurenbereich keine Entdeckung und Strukturaufklärung leisten. Die Entdeckung einer synthetisierten, nicht bekannten Epo-Stimulanz wäre nur durch einen Zufall möglich. Jedes Labor muss das zugeben. Wenn jeder Mensch sein eigenes Designer-Doping-Mittel produzieren lassen kann, dann ist der beste Analytiker aufgeschmissen, solange er keine Spritze oder Tablette in Händen hat, sondern nur eine Urin- und eine Blutprobe. Das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern.

Kann auch eine Privatperson eine Designer-Substanz herstellen?

Weitere Themen

Topmeldungen

Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.