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Debatte um Doping-Opferhilfe : Selbstgerechte Aufklärer

In der Kritik: Professor Werner Franke. Bild: dpa

Professor Werner Franke und drei Mitstreiter verfolgen das Ziel, die Doping-Opferhilfe zu vernichten. Statt Empathie für die Opfer zu zeigen, ergehen sich die Autoren in Selbstgerechtigkeit.

          Mit dem Gestus der Aufklärer, mit der Haltung des Vorbilds gar greifen Werner Franke und drei Mitstreiter die Doping-Opferhilfe an: die Selbsthilfegruppe gleichen Namens (DOH) und die Politik des Staats, Geschädigten des Zwangs-Dopings im DDR-Sport eine Entschädigung von rund 10.000 Euro zu gewähren. Drei verschiedene, bis reichlich sechzig Seiten umfassende Versionen ihres Textes „Blackbox DOH“ liegen vor. Franke erhebt den Anspruch, damit der Wissenschaft und der Wahrheit zu dienen.

          Doch der Text und seine Autoren verfolgen das Ziel, die Doping-Opferhilfe zu vernichten und ihre namhaftesten Repräsentanten gleich dazu. Doping-Opfer? Gibt es nicht; wer schluckte, ob ahnungslos oder minderjährig, ging das Risiko der Schädigung bewusst ein. Finanzielle Unterstützung vom Staat für Geschädigte? Streichen! Überhaupt: Geschädigte? Betrüger und Trittbrettfahrer. Forschung, Hilfe oder Berichterstattung (auch der F.A.Z.) zum Thema? Das Werk von Dummköpfen und Komplizen. Und Ines Geipel, die ehemalige Vorsitzende der DOH? Eine Hochstaplerin.

          Nicht einmal das Andenken eines gerade verstorbenen Wissenschaftlers nehmen Franke und Co von ihren mit Schmähungen durchsetzten Text aus. Sie sind, im Verbund mit Behauptungen, Andeutungen und Unterstellungen zum Teil so bösartig, dass Michael Lehner, der Vorsitzende der DOH, Franke öffentlich davor warnt, seinen Ruf zu ruinieren.

          Franke entlarvte vor bald dreißig Jahren fast im Alleingang das systematische Doping im Sport der DDR und ist Initiator und Gründungsmitglied der DOH. Statt Empathie für die Opfer zu zeigen, ergehen sich die Autoren in Selbstgerechtigkeit. Der Doping-Verweigerer Henner Misersky macht sich selbst zum Maßstab, an dem sich alle heute messen lassen sollen. Um die Streiter des Vereins diskreditieren zu können, greifen die Autoren sogar Argumente der Täter auf. Sie machen sich die Behauptung zu eigen, jedem der Top-Athleten im internationalen Einsatz, die in der DDR gedopt wurden, habe es freigestanden, den Leistungssport und dessen Privilegien aufzugeben. Sie individualisieren die Schuld und verdrängen damit die Bedeutung des Systemzwangs.

          Wer das glaubt, sollte dringend die Reportage „Der Kraftakt“ des Norddeutschen Rundfunks anschauen. Eine ehemalige Turnerin schildert darin, wie sie, Kind noch, sich selbst den Arm zu brechen versuchte, um dem brutalen Regime ihrer Trainingsgruppe für ein paar Tage zu entkommen. Sie ist immer noch traumatisiert. Da helfen noch so viele Worte nicht: Dass sich die Autoren gegen diejenigen wenden, die heute Hilfe so dringend benötigen wie damals, macht fassungslos. „Blackbox“ ist kein Anstoß zu Diskussion, sondern ein Pamphlet.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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