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Debatte im Bundestag : Danckert wirft Sport Untätigkeit im Dopingkampf vor

Entzieht der Bund der WM die Unterstützung, wenn Zabel fährt? Bild: dpa

Innenminister Wolfgang Schäuble droht der Stuttgarter Rad-WM mit dem Entzug der Fördergelder. Geld gebe es nur, wenn die Veranstalter ausschließlich „saubere Radfahrer an den Start gehen“ lässt.

          Als Eberhard Gienger in der Bundestagsdebatte nicht mehr an sich halten konnte, erregt ins Plenum rief und schließlich ums Wort bat, bekam der Redner den Watschenmann, den er sich passender nicht hätte wünschen können. „Der Kollege Gienger ist Experte“, erwiderte Peter Danckert hämisch, als er um die Erlaubnis zu einer Zwischenfrage gebeten wurde. So zweideutig das in einer Debatte um Doping im Sport klingt, so zweideutig meinte es Danckert. Der einstige Turnweltmeister Gienger nämlich, der für die CDU im Bundestag und in dessen Sportausschuss sitzt, hat, bevor er sich zum Vizepräsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) wählen ließ, gegenüber der F.A.Z. zugegeben, in seiner Zeit als aktiver Sportler von dem Freiburger Sportarzt Armin Klümper mit Anabolika behandelt worden zu sein – aus medizinischen Gründen selbstverständlich.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ob Danckert denn wisse, meinte also Gienger am Mittwochabend im Deutschen Bundestag in Berlin, dass der DOSB der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) 260 000 Euro zusätzlich überweise. Schließlich hatte Danckert gerade dem organisierten Sport vorgeworfen, dass er auf der Tagung der Fachverbände in Hamburg vor zehn Tagen den Antrag des Leichtathletik-Präsidenten Clemens Prokop schlichtweg abgelehnt habe, eine Pauschale von seinen Fördergeldern für die Doping-Bekämpfung einzusetzen. Danckert, der Vorsitzende des Sportausschusses, stieß damit ins gleiche Horn wie seine Fraktionskollegin Dagmar Freitag, die dem Sport vorwarf, vor einem Scherbenhaufen zu stehen: „In Hamburg hat der Sport die große Chance vertan, einen eigenen, wahrnehmbaren Beitrag zu leisten“ – zur Dopingbekämpfung.

          „Der organisierte Sport will es gar nicht wirklich“

          Danckert nutzte die von ihm provozierte Empörung Giengers, an diesem seinen Ärger über die Sportverbände auszulassen. Die 260 000 Euro zusätzlich stammten aus einer Sonderzahlung von drei Millionen, die der Deutsche Fußball-Bund aus seinen WM-Gewinnen überwiesen hat, schimpfte Danckert; aber zu einem weiteren Beitrag zur Doping-Bekämpfung sagten die Verbände nein. „Deshalb ist meine Vermutung“, polterte Danckert, „der organisierte Sport will es gar nicht wirklich, sondern redet nur davon.“ Gienger, der stehend die Antwort auf seine Frage abwarten musste, bekam dann noch mit: „Für so doof, dass ich das nicht weiß, darf man mich nicht halten. Ich weiß das aber auch einzuordnen, und das ist der Unterschied zwischen uns beiden!“ Setzen!

          Danckert dürfte der unhöflichste Redner des Abends gewesen sein, doch an Deutlichkeit ließ es kein Sportpolitiker der großen Koalition in der Debatte mangeln, zu der die erste Lesung der Anti-Doping-Gesetzgebung lediglich Anlass war. „Wir verfolgen mit besorgter Aufmerksamkeit die Vorbereitungen auf die Rad-Weltmeisterschaft in Stuttgart“, warnte Innenminister Wolfgang Schäuble. „Eine finanzielle Förderung dieser Veranstaltung wird nur verantwortbar bleiben, wenn die Veranstalter alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um zu gewährleisten, dass nur saubere Radfahrer an den Start gehen.“ Wenn der geständige Doper Zabel für Deutschland fährt, heißt das offenbar, dann zahlt Deutschland nicht.

          „Müssen, wenn nötig, weitere Schritte gehen“

          Auch Schäuble, der die Debatte eröffnete, sieht den Sport in der Pflicht, die Nada stärker zu fördern. „Es hat inzwischen so viele Versprechungen gegeben, von denen die wenigsten eingelöst wurden“, klagte er. „Die Bundesländer, die Verbände, die Wirtschaft und nicht zuletzt die Sponsoren sind aufgerufen, dem Beispiel des Bundes, der zusätzlich zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat, zu folgen und die finanzielle Basis der Nada zu konsolidieren.“ Schon im nächsten Jahr wollen er und die Koalitionsfraktionen die Nada stärker fördern. Das dürfte zu Lasten der Sportverbände gehen.

          Doch nicht einmal damit genug. Mit der Einrichtung einer Innenrevision, der sogenannten Task Force, soll überprüft werden, ob, wo und wie Steuergeld für Doping eingesetzt wurde. Sogar die Verschärfung der noch gar nicht verabschiedeten Gesetzesverschärfungen steht schon im parlamentarischen Raum. „Wir müssen, wenn nötig, weitere Schritte gehen. Dies gilt auch für den Gesetzgeber“, sagte Dagmar Freitag: „Ich sage Ihnen: Das kann im Zweifel ganz schnell gehen.“

          „In der Nähe einer totalen Niederlage

          Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB in Frankfurt, will die schrillen Töne aus Berlin nicht als Alarmsignal verstehen. „Wenn der Bund mehr für die Nada tun möchte, ist das schärfstens zu begrüßen“, sagte er am Donnerstag. Sein Verband, der mehr als drei Millionen Euro Minus gemacht habe, erwäge, der Nada auch im nächsten Jahr den doppelten Beitragssatz, nämlich 520 000 Euro, zu überweisen. Aber auch kleinen, dopingfreien Verbänden pauschal einen Obolus abzuverlangen hält Vesper für falsch. Deshalb will er nicht glauben, dass der Bund Fördermittel schon 2008 umschichtet: „Das ist Spekulation.“

          Doping sei ein Angriff auf das Fundament des Sports, argumentiert Vesper. Schon deshalb liege eine Politik von null Toleranz in dessen eigenem Interesse. Danckert überzeugt das nicht. „Ich will nicht sagen, der Sport habe versagt“, rief er im Bundestag. „Aber er ist in der Nähe einer totalen Niederlage.“ Auch das klingt mehrdeutig.

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