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Prozess um Schadenersatz : Claudia Pechstein geht das Geld aus

Finanziell erschöpft: Claudia Pechstein vor dem Gang zum Bundesgerichtshof Bild: dpa

Seit sechs Jahren kämpft Claudia Pechstein um ihre Unschuld. Dabei ist die Eisschnellläuferin weit gekommen. Doch im Prozess um Schadenersatz sind ihre finanziellen Mittel nun erschöpft – vor der letzten Instanz.

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          Sie wirkt gelassen, als sie auf Robert Harting angesprochen wird. „Claudia Pechstein ist ruiniert“, hatte der Diskus-Olympiasieger in der öffentlichen Anhörung zum Anti-Doping-Gesetz vor zwei Wochen im Deutschen Bundestag gemahnt, „und wir haben alle zugesehen.“ Ihr Fall ist sein Argument in der politischen Diskussion gegen den Zwang zur Schiedsgerichtsbarkeit für Athleten.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Kann man so sagen“, erwidert Claudia Pechstein. Sie ist fünf Mal Olympiasiegerin im Eisschnelllauf geworden, war Fahnenträgerin der deutschen Olympiamannschaft, ist die erfolgreichste Wintersportlerin Deutschlands und sitzt aufrecht in einem der riesigen Ledersessel im Büro ihres Lebensgefährten. „Mir ist alles genommen worden. Ich habe lernen müssen, damit zu leben.“

          Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gelte Claudia Pechstein als Opfer, hat dessen Präsident Alfons Hörmann im Januar beschieden. „Man kann nur um Entschuldigung bitten für all das, was ihr in den vergangenen Jahren medial und psychologisch zugefügt worden ist“, sagte er, als eine Expertenkommission zu dem Ergebnis gekommen war, dass die Schwankung der Retikulozytenwerte in ihrem Blut nicht als Doping-Nachweis gelten könne. Der Lübecker Hämatologe Wolfgang Jelkmann, Vorsitzender der Kommission, befand: „Im Gegenteil sind die erhöhten und schwankenden Retikulozytenwerte bei Claudia Pechstein durch die (…) Blutanomalie (hereditäre Xerozytose) vollumfänglich erklärbar.“

          An den Folgen der zweijährigen Sperre, die der Welt-Eisschnelllaufverband Isu im Februar 2009 gegen sie verhängte und die der Internationale Sport-Gerichtshof Cas in Lausanne bestätigte, hat die spektakuläre Rehabilitierung nichts geändert. Ihr Gehalt als Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei, in deren Sportfördergruppe sie seit Sperre und Ausschluss nicht zurückkehren durfte, gehe vollständig für die Raten drauf, mit denen sie die Honorare der Anwälte abstottert, sagt sie.

          „Verhindern, dass sie in Privatinsolvenz geht“

          Seit sechs Jahren kämpft sie zunächst innerhalb der Sportgerichtsgerichtsbarkeit und nun in einem Zivilprozess um ihre Unschuld. Das Einfamilienhaus am Scharmützelsee, in guten Tagen gekauft, sei vermietet und bis unters Dach mit Hypotheken belastet. Die Ersparnisse seien verbraucht, alle Freunde angepumpt. „Solange ich kann“, sagt ihr Lebensgefährte Matthias Große, „werde ich verhindern, dass sie in die Privatinsolvenz geht.“

          Die Forderung nach Schadensersatz von der Isu, kündigt Große an, werde voraussichtlich auf mehr als fünf Millionen Euro steigen. Doch trotz des günstigen Ausgangs des Verfahrens vor dem Oberlandgericht München droht das Aus. „Der Prozess steht auf der Kippe“, behauptet Große. Die Gegenseite hat Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt und Nichtzulassungsbeschwerde erhoben. Knapp 70.000 Euro koste allein die Vertretung durch einen der wenigen beim BGH zugelassenen Anwälte, sagt Große. Dafür reiche es nicht mehr. Wenn Claudia Pechstein, da mittellos, Prozesskostenhilfe beantrage, könne sie höchstens 1028,10 Euro erwarten.

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