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Radsport : Wiggins nennt Vorwürfe eine „Hexenjagd“

Das Asthmamittel hilft mit: Bradley Wiggings bei der Tour de France 2012. Bild: AP

Ein britischer Parlamentsbericht bescheinigt Bradley Wiggins ein ethisches Problem. Sein Asthmamittel sollte die Leistung steigern. Der frühere Radsportler regt sich mächtig auf, als der Bericht die Runde macht.

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          Was haben sie nicht alles beteuert, die in den Adelsstand erhobenen Siegertypen des britischen Radsports. Doping? Aber nicht doch. Sir David (Brailsford), der Chef des professionellen Rad-Rennstalls Sky, wies alle Verdächtigungen stets von sich. Er ging sogar noch einen Schritt weiter, als er die moralische Integrität seines Unternehmens beschrieb. „Saubere Siege“, selbstverständlich, und dazu die Einhaltung der „höchsten ethischen Standards“ im Radsport. Sky hat in diesem Jahrzehnt so ziemlich alle Rennen von Bedeutung gewonnen. Nur nicht den Glaubensstreit vor dem Sonderausschuss des britischen Ministeriums für Digitales, Kultur, Medien und Sport. Am Montag haben die Damen und Herren einen Bericht über ihre zweijährige Untersuchung zum „Kampf gegen Doping im Sport“ veröffentlicht. Ein strafbarer Verstoß gegen die weltweit gültigen Anti-Doping-Regeln des Sports ist auf den 52 Seiten nicht zu finden. Aber eine realistische Beschreibung des Manipulations-Alltags unterhalb von positiven Kontrollen – und damit der Ohnmacht des Kontrollsystems.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bradley Wiggins hat sich am Montag mächtig aufgeregt, als der Bericht die Runde machte. In einem Interview des Senders BBC vom Montagabend sprach der 37 Jahre alte Brite von einer „Hexenjagd“ und einer „Hölle auf Erden“. Seine Kinder würden in der Schule angefeindet, er müsse nun die Scherben zusammenkehren – dies wünsche er niemandem auf Erden. „Wenn ich jemanden ermordet hätte, würde ich mehr Rechte haben als bei diesem Vorgang“, sagte Wiggins. Er ist der erste Tour-de-France-Sieger der Briten, ein Idol, ein Sir. Aber unglaubwürdig. Das sagen die Parlamentarier über den ehemaligen Star des Teams Sky, genauso wie über seinen früheren Chef Sir David. „In diesem Fall“, heißt es im Report, „und im Gegensatz zur Aussage von Brailsford, glauben wir, dass Doping-Mittel – innerhalb der Regeln – zur Leistungssteigerung des Fahrers genutzt wurden und nicht nur für eine medizinische Behandlung.“

          Die russische Hackergruppe „Fancy Bear“ hatte vor zwei Jahren veröffentlicht, dass Wiggins 2011 und 2012 jeweils vor der Tour de France und 2013 vor dem Giro d’Italia Ausnahmegenehmigungen für den Einsatz von Triamcinolon erhalten hatte. Es sei ihm jeweils in einer Dosierung von 40 Milligramm intramuskulär injiziert worden. Das Glucocorticoid dient dem Kranken zur Linderung von chronisch obstruktiven Lungenproblemen. Der Gesunde, berichtete David Millar im vergangenen Sommer, kommt mit der Einnahme auf dem Rad besser voran. „Kenacort (ein Handelsname für Triamcinolon) war die einzige (Substanz), die man nahm, und drei Tage später schaute man ganz anders aus“, sagte Millar mit Blick auf die gewichtsreduzierende Wirkung. „Und nicht nur, dass das Gewicht sank, man fühlte sich auch stärker.“ Weniger Kilos bei gleicher Wattleistung, so beschleunigen Radrennfahrer. Millar kennt sich aus. Er war nicht nur Etappensieger bei der Tour, sondern auch ein Kenner der Manipulation am eigenen Leib. Seine Doping-Vergangenheit offenbarte er en detail. Inzwischen legt der Schotte den Finger auf die Einstichstelle: „Ich begreife nicht, wie ein Arzt so etwas verschreiben kann.“

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