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Birgit Dressels Tod : Schmerzliches Schweigen

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Birgit Dressel 1986 Bild: dpa

Am 10. April 1987 starb Birgit Dressel. In ihren letzten beiden Lebensjahren nahm die Siebenkämpferin mehr als hundert Medikamente. Trainer, Ärzte, Funktionäre schweigen bis heute. Das Prinzip des Vertuschens und Verdrängens lebt fort.

          Birgit Dressel bekommt keinen Frieden. Am 10. April 1987, an diesem Dienstag vor 25 Jahren, ist die Siebenkämpferin nach qualvollen Schmerzen an den Folgen einer toxisch-allergischen Reaktion in der Uniklinik Mainz gestorben. Ob Dopingmittel die Ursachen waren, ließ sich nicht klären.

          Aber zu den mehr als hundert eingenommenen Medikamenten in den letzten beiden Lebensjahren der 26jährigen Leichtathletin gehörten auch gefährliche Anabolika wie Stromba. Viel mehr ist nicht herausgekommen bei den Untersuchungen. Wie so viele der folgenden Dopingskandale, die als „Weckzeichen“ für den ultimativen Kampf gegen Manipulation apostrophiert wurden, deckte auch der Fall Dressel nur ein Prinzip auf: das des Vertuschens und Verdrängens.

          Thomas Kohlbacher hat kurz nach dem Tod von Birgit Dressel der Staatsanwaltschaft Mainz gegenüber einen „glaubwürdigen“ Eindruck gemacht. Kohlbacher war nicht nur der Verlobte der Athletin, sondern auch ihr Trainer.

          Im Mai 1987, einen Monat nach der Katastrophe, machte er sich Sorgen um das Ansehen von Frau Dressel: „Ich bitte eindringlich darum, daß bei evt. vorzunehmenden Veröffentlichungen (...) auf die Belange der Verstorbenen Rücksicht genommen wird, d.h. der Name Birgit Dressel nicht im Zusammenhang mit Anabolika auftauchen sollte“, heißt es im vom Zeugen Kohlbacher unterschriebenen Protokoll der Staatsanwaltschaft Mainz vom 14. Mai 1987: „Ich möchte nicht, daß durch meine Aussage (...) das Andenken an Frau Dressel verunglimpft wird. Das gilt insbesondere für meine Aussagen bezüglich eingenommener Anabolika; dies geht eigentlich dritte Personen nichts an.“

          Der Sport hält weitgehend dicht und formiert sich

          Im Frühjahr und Sommer 1987 glaubten auch andere Sportskameraden, die Veröffentlichung von Details über Dosierungen, über Nebenwirkungen und die von Kohlbacher beobachtete Leistungssteigerung Birgit Dressels mit Hilfe von Dopingmitteln sei nichts für die Öffentlichkeit. Im Archiv von August Kirsch, damals Präsident des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, findet sich ein Brief von Rechtsanwälten an den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Sie warnen die Funktionäre davor, die heiklen Informationen auszuplaudern oder gar der Presse zur Verfügung zu stellen.

          Der Sport hält weitgehend dicht und formiert sich, als der damalige DLV-Präsident Eberhard Munzert, schockiert nach dem Studium des gerichtsmedizinischen Gutachtens ob der aufgeführten „Vielmedikation“ und Dopingsubstanzen, einen sauberen Kurs durchsetzen will. Eineinhalb Jahre später tritt Munzert, völlig isoliert, zurück. Sein Nachfolger Helmut Meyer hielt Doping für ein Kavaliersdelikt.

          Am 10. April 1987 starb die Siebenkämpferin

          Das Unrechtsbewusstsein orientiert sich an der Rechtslage, auf die Kohlbacher die Staatsanwaltschaft im Mai 1987 hinweist. Doping war und ist keine Straftat: „Ich möchte hier nochmals betonen, daß es sich bei diesen Substanzen nicht um verbotene Stoffe handelt, sondern die Einnahme unter sportethischen Gesichtspunkten diskutiert und kritisiert wird“, sagt Kohlbacher in der Vernehmung. Damals belastet er Dressels Arzt Armin Klümper schwer. Acht Jahre später reagiert der Trainer auf ähnliche Fragen ausweichend, bietet der Polizei, die gegen Klümper ermittelt, als Erklärung für die Widersprüche Fehlinterpretationen an.

          Dem Kriminalbeamten erscheinen die neuen „Einlassungen“ laut Protokoll doch „sehr zweifelhaft“. Aber die Wissenslücken trotz der Lebenspartnerschaft erklärt Kohlbacher so: „Es gibt bestimmte Lebensbereiche, wo der eine oder andere Partner Sachen macht oder unternimmt, von dem der Partner im Prinzip schon weiß, aber rausgehalten werden soll. Damit meine ich, wenn zum Beispiel irgendetwas ans Tageslicht kommt, daß andere Personen nicht mit in die Verantwortung genommen werden können.“ Ein Verfahren gegen Klümper wird eingestellt. Zurück bleibt Birgit Dressel, als Alleinverantwortliche.

          „Klarheit könnte ein letzter Dienst an Birgit Dressel sein“

          Der Fall ist typisch für die Dopingaufklärung bis in diese Tage. Es trifft in der Regel nur die Athleten, selten Trainer, nie Ärzte oder Funktionäre. Das gilt für die Affäre um die Sprinterin Katrin Krabbe (1992), für die Zahnpasta-Story des Langläufers Dieter Baumann (1999), die Degradierung und Rehabilitierung des Olympiaringers Alexander Leipold (2000) bis hin zum Skandal um das Team Telekom und Jan Ullrich. Wer den Stoff besorgt hat, wer dafür bezahlte, wer es wie verabreichte, wer davon bis hinauf in die Nomenklatura gewusst hat, bleibt meistens im Dunkeln.

          „Klarheit über die medizinischen Zusammenhänge könnte ein letzter Dienst von uns allen an Birgit Dressel sein“, hatte Munzert in seiner Grabrede gesagt. Den Dienst, der dem Sport geholfen hätte, erwies ihr niemand, nicht mal der Verlobte: „Ich möchte zu der Frage“, erklärt Kohlbacher laut einem Vernehmungsprotokoll vom Mai 1995, „ob ich konkret gewußt habe, daß Birgit DRESSEL (sic) Stromba eingenommen hat, keine weiteren Einlassungen mehr machen, da die Gefahr besteht, daß ich mich selbst dadurch belasten könnte.“ Und so schweigen sie bis heute, Trainer, Ärzte, Funktionäre.

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