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Beschämende Skandalchronik : Neue Winkelzüge für Russland

  • -Aktualisiert am

Wieder im Fokus: die russische Anti-Doping-Behörde Bild: dpa

Wer glaubt, Russland wäre nach dem neusten Doping-Skandal endlich reif für echte Konsequenzen, vielleicht sogar für einen Ausschluss von Olympia, der liegt daneben. Aus einem einfachen Grund.

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          Um zu erkennen, wie dreist auch diesmal wieder die russische Seite die internationale Athleten-Community angeschmiert hat, muss man ein paar Seiten zurückblättern in der beschämenden Skandalchronik. Nach allem, was wir über die Jahre 2012 bis 2015 wissen, bestand das Doping-System, mit dem das Land damals wieder zu alter Geltung im Sport zurückfinden wollte, hauptsächlich darin, dass positive Tests ausgewählter Stars mit behördlicher Hilfe vertuscht wurden.

          Als der Schwindel herauskam, wurde Russland zumindest teilweise von der internationalen Sportfamilie suspendiert. Nicht von allen konsequent und auf Dauer. Das Internationale Olympische Komitee ließ seltsame Milde walten, während der Leichtathletik-Weltverband bis heute an einem Ausschluss festhält. Auch die erst einmal kritische Welt-Anti-Doping-Agentur und die Behindertensportler ließen sich erweichen, weil das Land die Datensammlung preisgab, aus der, so hofften sie, komplett hervorgehen würde, welche gedopten Sportler genau es waren, die das Land geschützt hatte. Damit man ihnen nachträglich doch noch den Prozess würde machen können.

          Eine komplette Freigabe hätte von einem echten Mentalitätswandel in Russland gezeugt. Doch so einfach ging das natürlich nicht. Angeblich hatte die russische Staatsanwaltschaft das ganze Material beschlagnahmt, weil sie selbst ermitteln wollte. Und als die Welt-Anti-Doping-Agentur die Daten doch noch erhielt, waren sie manipuliert. Wie David Howman, der Chef der Integrity Unit des Welt-Leichtathletikverbandes, der F.A.Z. verriet, fehlten viele positive Doping-Befunde und vor allem „disappearing positives“, also die Dokumentation vertuschter Fälle.

          Wir sind also in diesem Punkt wieder zurück auf Los. Welche alten Drahtzieher ein weiteres Mal ihre gedopten Freunde geschützt haben, wird schwer zu ermitteln sein. Ausgeschlossen scheint hingegen, dass Russland innerhalb der gesetzten Drei-Wochen-Frist eine harmlose Erklärung für die Manipulationen liefern kann. Wer allerdings glaubt, Russland wäre nun endlich reif für echte Konsequenzen, vielleicht sogar für einen Ausschluss von Olympia nächstes Jahr in Tokio, der ist ein arger Theoretiker. Die spannende Frage lautet vielmehr, mit welchen Winkelzügen einflussreiche Sportpolitiker das Land diesmal herauspauken werden.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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