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Ben Johnson : Das dreckigste Rennen

Verdacht gegen Mitläufer

Trainer Charlie Francis hatte Johnson zum Doping überredet mit dem Hinweis, dass man nur betrüge, wenn man der Einzige sei. „Warum sollte ich sauber bleiben, wenn alle anderen betrogen“, beschreibt Johnson seine Überzeugung. „Das ist unfair.“ Also dopt er und lässt sich von einem schmächtigen Läufer zum kraftvollsten Sprinter der Welt hochzüchten. Der Verdacht gegenüber der Konkurrenz dürfte nicht aus der Luft gegriffen sein. Carl Lewis wurde bei den Trials 1988 positiv auf Aufputschmittel getestet; hätte der Verband nicht die vorgesehene Dreimonatssperre in eine Warnung umgewandelt, würde er in Seoul fehlen. Eines der Mittel, die ihm nachgewiesen werden, Pseudoephedrin, findet sich in Seoul auch bei Linford Christie. Auch er kann die Funktionäre davon überzeugen, dass er nicht absichtlich gedopt habe. Er bekommt Silber. Vier Jahre später, in Barcelona, wird er Olympiasieger; 1999 wird er auf Nandrolon positiv getestet. Calvin Smith, der Dritte, ist der schnellste Sprinter des Finales, der nie mit Doping in Verbindung gebracht wird, und neben dem Brasilianer Robson da Silva der einzige.

Doktor Astaphan untergräbt das Vertrauen zwischen Trainer Francis und Ben Johnson. Im Sommer 1988 holt er Johnson für sieben Wochen Regeneration auf die Insel St. Kitts in der Karibik. Dort macht er ihn mit Jack Scott bekannt, einem Trainer und Buchautor, der eine Maschine entwickelt hat, die Verletzungen mit niedriger Stromspannung heilen soll. Auch Scott war eine zwielichtige Figur. 1974 spielte er eine undurchsichtige Rolle im Entführungsfall der Millionenerbin Patty Hearst, die gemeinsam mit ihren Kidnappern Banken ausraubte. Als er 1988 Ben Johnson behandelt hat, taucht er bei Carl Lewis auf. Erst bietet er ihm Informationen aus dem Lager von Johnson an, dann die Zusammenarbeit mit dessen Doping-Arzt. Astaphan habe die Nase voll, erfuhr Lewis. Wenn er bereit sei zu dopen, richtete Scott aus, könne er 9,5 Sekunden laufen.

Verraten und verkauft

Astaphan reist mit Ben Johnson nach Seoul und fiebert mit dessen Mutter auf der Tribüne dem Finale entgegen. Während einer Kortisonbehandlung der Achillessehne erpresst er den Sprinter. Er wolle eine Million Dollar, sagt er nach der Erinnerung von Johnson, oder er werde alles enthüllen. Johnson bleibt cool. Darüber werde man nach dem Rennen sprechen, erwidert er. Leider ist dann keine Zeit mehr. Als die kanadische Regierung eine Untersuchung anberaumt, die Dubin Inquiery, kommt heraus, dass Astaphan alle Telefongespräche mit Johnson aufgenommen hatte. Das ist noch der geringste Betrug des Arztes gegenüber seinen Athleten. Eine Analyse entlarvt das Wundermittel „Estragol“ als billiges Hormonprodukt für die Viehmast: Winstrol-V. Sein Wirkstoff ist Stanozolol.

Rückkehr nach Seoul: Ben Johnson posierte am Dienstag im Olympiastadion von 1988 für die Anti-Doping-Initiative „Choose the right way“ auf der 100-Meter-Bahn

Wie sehr Doping-Analytiker Manfred Donike dem Nachweis dieser Substanz nachjagte, erlebte Don Catlin, seinerzeit Leiter des Doping-Kontrolllabors der Vereinigten Staaten, bei einem Besuch 1985 in Köln. Beide wussten seit den Spielen von Los Angeles, dass einer ihrer blinden Flecken Stanozolol war. Donike ergänzte den wissenschaftlichen Austausch um eine Dosis der fraglichen Substanz, die er seinem Kollegen injizierte. Wenig später bat er zur Kontrolle. Der Stoff war nicht nachweisbar. Catlin erinnert sich, dass Donike ein halbes Jahr später - dank seiner Probe - der Nachweis gelang. Als Donike in Seoul Ben Johnson überführt, kann er beweisen, dass dies kein Zufall und auch kein Einzelfall ist. Er verweist auf „eine langfristige Durchseuchung“, nachgewiesen mit einem Profil, das er vom Stanozolol-Doping des schnellsten Mannes der Welt erstellt hat.

Ben Johnson war nicht nur verraten und verkauft von seinem und dem rivalisierenden Lager. Er war auch längst überführt.

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