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McLaren-Report zu Staatsdoping : „Der Westen sah höflich weg“

Was die Russen auch bei Olympia trieben, blieb lange Zeit undurchsichtig. Bild: AP

Auf 103 Seiten beschreibt der McLaren-Report das Staatsdoping in Russland. Die Vorwürfe sind schwer. Ein Blick in die Tiefe der Untersuchung zeigt interessante Details der Machenschaften.

          Es ist nicht alles Lug und Trug im McLaren-Report, obwohl er in der Welt des Sports einen kollektiven Aufschrei von Schmerz und Empörung ausgelöst hat. Auch Glücksfeen und Zauberer kommen darin vor, obwohl der Bericht so ziemlich das Gegenteil dessen ist, was in den Märchenstunden von Chancengleichheit, Fairness und Sauberkeit versprochen wird.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Weil es gilt, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, lud Ermittler Richard McLaren Claudia Bokel und Becky Scott, die Vorsitzenden der Athletenkommissionen von Internationalem Olympischen Komitee (IOC) und Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), nach Lausanne ein, als er im Doping-Kontroll-Labor dort Proben von den Winterspielen in Sotschi 2014 heraussuchen ließ.

          Die beiden, die in einem offenen Brief an IOC und Wada davon gesprochen hatten, dass ihr Vertrauen in die Doping-Bekämpfung zerstört sei, sollten miterleben, dass es bei diesen Ermittlungen transparent zugehe. Zusätzlich zu 32 Fläschchen, die McLaren und seine Experten auf Spuren von Manipulationen hin untersuchten, wählten die Vertreterinnen der Sportler der Welt nach dem Zufallsprinzip acht weitere aus. Seit Montag haben sie es schriftlich: Die Verschlüsse aller geprüften Behälter mit Urinproben russischer Sportler wiesen Spuren auf, die beweisen, dass sie geöffnet worden waren.

          Auch der Inhalt war brisant. Der Salzgehalt mancher Urinproben war so hoch, dass, stammten sie wirklich von Sportlern, diese in Lebensgefahr oder darüber hinaus gewesen sein müssten. Tatsächlich hatten die Manipulatoren aus dem russischen Labor und vom russischen Geheimdienst (FSB) mit Kochsalz das spezifische Gewicht der Proben erhöht, wenn der saubere Ersatz sich als zu leicht erwies.

          Obwohl er, wie er einräumte, bis heute nicht weiß, wie der FSB die Deckel von den Proben entfernte und wieder anbrachte, ist McLaren doch der Nachweis der Manipulation zweifelsfrei gelungen. Auch die Experten seiner Gruppe öffneten und verschlossen vor seinen Augen die angeblich manipulationssicheren Fläschchen. Juri Nagornich, der nun suspendierte stellvertretende Sportminister und Chef der „Disappearing Positive Methodology“, des großen Schwindels, mit dem positive Testresultate aus dem Moskauer Labor über Jahre verschwanden, hatte die Agenten des Geheimdienstes für diese Kunst noch die „Zauberer“ genannt. McLarens Wiederholung des Tricks wird nun dafür sorgen müssen, dass die Wada sich um Behälter bemüht, die wirklich nicht manipuliert werden können.

          Bei neuen Fläschchen wird es in der Doping-Bekämpfung nicht bleiben können. Die Athletenvertreter im deutschen Sport fordern ein unabhängiges Kontrollsystem und eine handlungsfähigere Wada. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, erwartet von der Wada, dass sie mit der Aufklärung weitermacht. Sie solle sich sagen, verlangt er: „Wir arbeiten jetzt ein Land nach dem anderen ab, bei dem wir berechtigte Zweifel an der Einhaltung des Wada-Codes haben.“

          Der Kanadier Richard McLaren stellte den Report in Toronto vor.

          Nun aber werden erst einmal IOC, Leichtathleten und Schwimmer die Resultate ihrer bedeutendsten Sportfeste korrigieren müssen. Nicht nur in Sotschi 2014, auch bei der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, bei der Universiade 2013 in Kasan sowie bei der Schwimm-WM in Kasan 2015 waren offenbar russische Athleten gedopt am Start und gewannen, dank der Protektion aus Ministerium und Labor, reichlich Medaillen.

          Nur 57 Tage Zeit hatten McLaren und seine Ermittler für ihren Bericht über Doping in einem Land, in dem freier Zugang zu brisanten Informationen wohl eher nicht zu erwarten ist und wo Zeugen, die offen sprechen, nicht zu finden waren. Gleichwohl hat der erfahrene Jurist und Ermittler mit seinem Team so viele Dokumente und Aussagen zusammengetragen, dass sie vieles davon noch nicht auswerten, vieles nicht einmal übersetzen lassen konnten. „Dieser Bericht kratzt nur an der Oberfläche“, schreibt McLaren. „Da ich ihn schreibe, ist unsere Aufgabe unvollendet.“

          Unbenanntes Dokument

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          Ebenso klang es, als Richard Pound den Bericht der Unabhängigen Kommission vorstellte, der sich allein mit den Leichtathleten in Russland befassen sollte. „Dies ist nur die Spitze des Eisberges“, sagte Pound, und allein sie umfasst polizeiliche Ermittlungen wegen Korruption und Geldwäsche an der Spitze des Welt-Leichtathletik-Verbandes, Korruptionsermittlungen in Bezug auf die Vergabe von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen und, nicht zuletzt, den Nachweis systematischen Dopings. Nun schreibt auch McLaren: „Diese Fälle erfordern weitere Arbeit. Es gibt keinen Zweifel, dass es noch mehr zu enthüllen gibt.“

          „Einen solchen Zusammenbruch hat es noch nie gegeben“, wird ein Brief des Kronzeugen Gregorij Rodschenkow zitiert, der sich mit den vielen Doping-Fällen der russischen Leichtathletik seit der WM in Moskau beschäftigt. „Dies sind keine Machenschaften des Westens. Die Westler selbst haben jahrelang versucht, die Situation freundschaftlich zu überspielen, vertraulich Balachnitschew (den damaligen russischen Verbandspräsidenten) zu warnen und höflich die Lage zu tolerieren.“ Doch so sicher fühlten sich die Doper, dass sie Kontrollen wie Warnungen ignorierten.

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