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Systematisches Doping : Boykottiert Russland!

Russische Fahne hinter Gitter: Nach einem Boykott sieht es in der Sportwelt aber nicht aus. Bild: dpa

Der internationale Sport scheint auch nach dem zweiten McLaren-Bericht über massives Staatsdoping bei der These von den schwarzen Schafen zu bleiben. Manche Experten fordern aber drastische Maßnahmen.

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          Tausend gedopte russische Sportlerinnen und Sportler, rund siebenhundert mit Namen und Untersuchungsbefunden belegte Fälle in dreißig Winter-, Sommer- und Paralympischen Sportarten - doch der internationale Sport scheint bei seiner These von den schwarzen Schafen zu bleiben. Demnach müssten lediglich diejenigen aus der ansonsten weißen Herde aussortiert werden, deren individuelle Schuld bewiesen ist.

          Claus Dieterle
          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Russland, dessen Führung den massenhaften Betrug angeordnet und gedeckt hat, um sich als Weltmacht des Sports zu präsentieren, bliebe Gastgeber der Bob-Weltmeisterschaft in Sotschi, der Stadt des großen russischen Betrugs 2014, bei dem zahlreiche russische Olympiateilnehmer gedopt an den Start gingen und der Geheimdienst ihre belastenden Doping-Proben austauschte. Russland würde mit Flagge und siegesgewisser Mannschaft - wie in Rio in diesem Sommer - bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang in Südkorea einmarschieren. Und Russland bliebe, als wären nicht auch im Fußball Doping-Proben ausgetauscht worden, Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und der Winter-Universiade 2019.

          Witali Mutko, der als russischer Sportminister das systematische Doping verantwortete und inzwischen zum stellvertretenden Ministerpräsidenten aufgestiegen ist, begrüßt den Trend. „Das Internationale Olympische Komitee hat die Richtung gewählt, dass es keine kollektive Verantwortung in dieser Situation geben sollte“, sagte er der Agentur R-Sport. Wenn einzelnen Athleten Verstöße gegen die Regeln nachgewiesen werden könnten, „dann lasst uns sie bestrafen“, statt die gesamte russische Mannschaft auszuschließen. Das IOC habe ein Beispiel gegeben, als es gegen einen pauschalen Ausschluss der Russen von den Sommerspielen in Rio entschieden habe, sagte Mutko.

          Die Enthüllungen von McLaren ist den Verbänden nicht Beweis genug

          Bereits im Juli, zwei Wochen vor den Spielen, hatte McLaren in einem ersten Bericht die Vorwürfe des in die Vereinigten Staaten geflohenen ehemaligen Laborleiters Gregorij Rodschenkow bestätigt. Wie praktisch alle russischen Offiziellen bestreitet Mutko die Existenz eines staatlich unterstützten Doping-Systems, wie es McLaren in seinem am Freitag veröffentlichten zweiten Bericht belegt hat. 1160 Dokumente, darunter Fotos von manipulierten Behältern der Doping-Proben sowie E-Mail-Verkehr zwischen Rodschenkow und Betroffenen, haben McLaren und seine Mitarbeiter zusätzlich zu ihrem Bericht ins Netz gestellt.

          Allein der Welt-Leichtathletikverband IAAF und das Internationale Paralympischen Komitee schlossen die russischen Mannschaften pauschal von den Leichtathletik-Wettbewerben Olympias und den Paralympischen Spielen aus. Die IAAF zog zusätzlich alle Wettbewerbe in ihrer Verantwortung aus Russland ab. Der offizielle Grund für die Einladung der Russen zur Teilnahme in Rio war die angebliche Unabhängigkeit des Russischen Nationalen Olympischen Komitees (ROK) von Staat und Verbänden. Ihm spricht das IOC das exklusive Recht zu, Athleten für die Spiele zu nominieren. Auch McLaren kann keine Verbindung der von Alexander Schukow geführten Organisation zum Staatsdoping belegen.

          Der Vorstandsvorsitzende der amerikanischen Anti-Doping-Agentur, Travis Tygart, forderte in einem Interview nach der Veröffentlichung des Berichts, das ROK verantwortlich zu machen, da es den gesamten olympischen Sport in Russland leite. Zudem sollten vorerst keine internationalen Sportereignisse mehr in Russland ausgetragen werden. Vor der Veröffentlichung deutete Tygart an, dass Athleten Boykotts als Mittel der Auseinandersetzung mit Sportorganisationen erwägen. Zumindest die Führung des internationalen Bob- und Skeleton-Verbandes (IBSF) erwägt nach Boykottaufrufen britischer und amerikanischer Athleten offenbar die Verlegung der WM. Nach Informationen dieser Zeitung ist Deutschland mit Königssee im Rennen.

          Travis Tygart: Der Vorsitzende der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada fordert spürbare Konsequenzen.

          Im Wintersport ist das Thema der Unterwerfung unter den Kodex der Wada ein heftig diskutiertes Thema. Obwohl inzwischen die britische Anti-Doping-Agentur die Kontrolle der russischen Top-Athleten von der suspendierten Russischen Anti-Doping-Agentur übernommen hat, sorgt dies nicht für die notwendige Compliance. Immer noch verweigert Militär den Kontrolleuren den Zutritt zu Städten und Einrichtungen, in denen Athleten leben und trainieren. Auch scheint die Praxis, dass Athleten über bevorstehende Kontrollen informiert werden, weiter zu bestehen. Die Sperre weiterer russischer Athleten aufgrund der jüngsten Informationen mitten in der Saison könnte in manchen Sportarten für den Ausfall nahezu der kompletten Nationalmannschaft sorgen - und damit auch dafür sorgen, dass Russland das Interesse an der Austragung von Wettbewerben in diesen Sportarten verliert.

          Beim Biathlon hat man Namen Beschuldigter erwartet

          Beim Biathlon-Weltcup in Pokljuka war der McLaren-Report zwar mit Spannung erwartet worden. Allerdings wich diese einer gewissen Enttäuschung, weil man Namen erwartet hatte - wohl weniger die von russischen Teilnehmern, als vielmehr von den Recken vergangener Tage. „Ich hoffe, dass man Fakten schafft, positive Proben ranschafft, um die Leute, die da verwickelt sind, auch wirklich knallhart zu bestrafen“, sagte der deutsche Biathlet Erik Lesser.

          Sein Teamkollege Arnd Peiffer warnte vor einer Vorverurteilung der Russen. Der Biathlon-Weltverband (IBU) will den McLaren-Report erst nach einer gründlichen Prüfung bewerten. Die Dokumente seien inzwischen beim Verband eingegangen, aber eine Bewertung brauche Zeit. Deshalb zieht IBU-Präsident Anders Besseberg derzeit einen Ausschluss der russischen Mannschaft nicht in Betracht. Trotz der Empfehlung des IOC, keine Großereignisse nach Russland zu vergeben, entschied die IBU in diesem Jahr, ihre Weltmeisterschaft 2021 in Tjumen in Sibirien auszutragen. Die Wada hat inzwischen die 695 Namen, davon 95 von Wintersportlern, die sie von McLaren erhalten hat, an die Verbände weitergeleitet. Sie müssen entscheiden, ob und wie sie die Manipulationen sanktionieren.

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