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Armstrong-Kommentar : Wütende Saubermänner

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Er ist das Böse des Sports - nach Ansicht seiner früheren Mitspieler: Lance Armstrong Bild: dpa

Der Kern der Doping-Geschichte um Lance Armstrong war lange bekannt. Jetzt aber hat das Böse einen (einzigen) Namen. Die Saubermänner des Sports entladen ihre Wut und versuchen, Armstrong in den Orkus zu versenken - ohne ihre Verantwortung einzugestehen.

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          Dieser Armstrong! Was für ein Skandal, für eine Schweinerei, für eine Katastrophe. Der halben Welt stehen plötzlich Mund und Augen offen. Dieser Schuft, dieser Doper, Dealer, Strippenzieher, Protegé einflussreicher Politiker und Sportfunktionäre, diese Galionsfigur des Radsports, Geldbeschaffer und Wertsteigerer in der Rolle des Verführers, Chefmanipulateurs.

          Und niemand hat es gewusst bis zum vergangenen Donnerstag. Ja, niemand. So sieht das jetzt aus. Der halbwegs interessierten Menschheit fällt vor lauter Entrüstung nichts mehr ein. Selbst Spitzensportler wie Bradley Wiggins zeigen sich „geschockt“. Wiggins? Das ist der Tour-de-France-Sieger 2012 ohne positiven Test. Auf welcher Umlaufbahn kreiste der Mann in den vergangenen zehn Jahren eigentlich, wenn er nun wie aus heiterem Himmel erstarrt?

          Publizisten schreiben jetzt vom größten Doping-Skandal der Geschichte, von einem schrecklichen Höhepunkt, dem eine Wende folgen muss, weil eine Steigerung unvorstellbar erscheint. Dabei ist am vergangenen Mittwoch, als die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) 1000 Seiten Dokumente zum Fall Armstrongs veröffentlichte, nicht erstmals die Wahrheit ans Tageslicht gekommen.

          Der Kern der Geschichte war seit Jahren bekannt. Sie ist nur deshalb besonders interessant, weil Armstrong über Jahre den Radsport beherrschte, eine Wechselbeziehung aufbaute. Er lebte von ihm und umgekehrt. Deshalb ist nicht die Entlarvung bis in jedes Winkelchen so bedeutend, sondern die Frage, welche Konsequenzen es gibt. Oder wird nur das im vergangenen Vierteljahrhundert übliche Dreiphasenmodell über ihn hinwegrollen?

          Geschockte Kollegen, dabei ist die Geschichte um Armstrong in weiten Teilen seit langem bekannt

          Der plötzlichen Schockstarre als Zeichen der ersten Phase folgt inzwischen die zweite: Saubermänner des Sports entladen ihre Wut. Schon erscheint Armstrong als zu verteufelnder Unmensch, als einzige Quelle des Verrats am Sport. Die Zeugen der Anklage, einst erstklassig bezahlte Weggefährten, Profiteure, servile Diener, zuverlässige Handlanger stehen wie Opfer da. Armstrongs „Ungerührtheit“ beschleunigt den Prozess der Isolierung: Das Böse hat jetzt einen (einzigen) Namen.

          Der organisierte Sport ist gut gefahren mit diesem Spiel. 1988 traf es den naiven Sprinter Ben Johnson im Kreise einer exquisiten Doping-Gesellschaft schneller Männer. Als Brigitte Berendonk auf der Buchmesse 1991 das Staatsdoping der verblichenen DDR dokumentierte, zeigten die Westdeutschen mit dem Finger auf die Ossis. Bis heute wehren sich Wessis gegen die belegten Erkenntnisse über ausgeprägte Doping-Zellen in der Bundesrepublik und die Mitwisserschaft berühmter Sportführer.

          In Deutschland stand Jan Ullrich am Pranger, während die Telekom von nichts gewusst haben will

          Die forcierte Reduzierung eines Systemproblems auf schwarze Schafe in einer angeblich woll-weißen Herde dient einer grandiosen Ablenkungsshow, national wie international. In Deutschland stand Jan Ullrich am Pranger, während die Telekom von nichts gewusst haben will. Im kleinen Österreich der Trainer Mayer, in Spanien soll der Blutpanscher Fuentes nur Radsportler versorgt haben und niemals Leichtathleten oder gar Fußballer.

          Jetzt werden all die Mitspieler versuchen, Armstrong in den Orkus zu versenken, ohne ihre Verantwortung einzugestehen. An diesem Modell hat sich in Jahrzehnten trotz des Einsatzes engagierter Anti-Doping-Kämpfer nichts geändert. Das ist auch logisch, solange der Sport sich selbst auf Sparflamme kontrolliert. Denn eine knallharte, ernsthaft auf „Null Toleranz“ ausgerichtete Anti-Doping-Politik von Verbänden und Staaten würde das Geschäftsmodell gefährden. Phase drei steht also kurz bevor: weiter so.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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