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Offener Brief an DOSB-Präsidenten : Das Chaos ist komplett

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Im Kampf um ein Anti-Doping-Gesetz herrschen in Sport und Politik die pure Verzweiflung Bild: dpa

Das von der Bundesregierung nach langem Streit für dieses Jahr geplante Anti-Doping-Gesetz soll ein „grandioses Ablenkungsmanöver“ von Sport und Politik sein. Ein offener Brief an DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

          „Sehr geehrter lieber Herr Hörmann, jetzt ist das Chaos komplett. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) begrüßt den Entwurf eines Anti-Doping-Gesetzes und kritisiert zugleich die für dessen Verfechter wichtigste Regelung, nämlich die geplante „Ausdehnung der Besitzstrafbarkeit auf geringe Mengen und die Einführung der Strafbarkeit von Selbst-Doping“. Ja, was denn nun? Dabei behaupten wir gar nicht, dass Sie unrecht haben, im Gegenteil: Soweit wir uns im Strafrecht auskennen, ist Ihre Argumentation juristisch schlüssig. Rechtsdogmatisch lässt sich die drohende Selbstschädigung durch Doping schwer als Grundlage für eine Strafbarkeit heranziehen. Auch die Integrität des Sports als staatlich zu schützendes Rechtsgut zu postulieren, wie es der Gesetzentwurf versucht, ist mehr als fragwürdig.

          Sylvia Schenk ist Rechtsanwältin und ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer
          Dr. Stefan Brink ist Ministerialrat beim Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz

          Aber wer will denn ernsthaft Rechtsdogmatik diskutieren? Interessiert es irgendwen, ob Selbst-Doping sich verfassungsrechtlich einwandfrei unter Strafe stellen lässt? Es geht doch beim jahrelangen Streit um ein Anti-Doping-Gesetz nicht um fundamentale rechtstheoretische Gesetzgebungsfragen, sondern um Politik, um eine eher ideologische Auseinandersetzung, vor allem aber geht es - um ein grandioses Ablenkungsmanöver. Vielleicht ist es ja auch die pure Verzweiflung, die Politik und Sport gleichermaßen nach jedem Strohhalm, der Aktivität für einen sauberen Sport vorzutäuschen hilft, greifen lässt, statt Schritt für Schritt die Situation zu analysieren, die richtigen Fragen zu stellen und darauf Antworten zu suchen. Der Ruf nach dem Strafrecht ist hier letztlich insofern Ultima Ratio, als die Verantwortlichen sich um ihre eigentliche Aufgabe drücken und bevorzugt alle Lasten bei den Athletinnen und Athleten abladen.

          Ja, setzt sie nur unter Strafandrohung und wascht Eure Hände in Unschuld. Wenn leibhaftige Minister mit Radsportlern posieren, die meinen: „Das ist schon eine andere Liga, wenn du im Doping-Fall mit einer Gefängnisstrafe rechnen musst, als nur durch eine Sperre zwei Jahre deinen Sport nicht mehr betreiben zu können“ (der Radprofi John Degenkolb laut Deutscher Presse-Agentur im November 2014), dann muss ja etwas dran sein. Lasst Untersuchungen zur Abschreckungswirkung von staatlichen Strafen außer Acht, kümmert Euch nicht um die Fakten: Dass angesichts der Strafandrohung im Zweifelsfall bei Ersttaten Bewährungsstrafen herauskommen werden, kein Vergleich zu zwei Jahren Sperre, wie sie die Sportgerichtsbarkeit ausspricht, ist ja nicht von Bedeutung. Wer wird denn tatsächlich wegen Selbst-Doping im Gefängnis landen?

          Sie, lieber Herr Hörmann, wollen diese Strafbarkeit ja auch gar nicht, nur - was wollen Sie dann? Alles beim Alten lassen, so scheint es, nach Möglichkeit weitere Jahre mit dem sinnlosen Streit pro und contra Besitzstrafbarkeit füllen. Dabei gäbe es so viel zu tun, um den Anti-Doping-Kampf voranzubringen, viele einzelne Maßnahmen, die unmittelbar in Angriff genommen, teils sofort umgesetzt werden könnten. Ohne lange Diskussionen um Rechtsdogmatik, insbesondere aber ohne die Schwächsten, nämlich die Sportler(innen), noch weiter zu Objekten zu degradieren, als es sowieso schon der Fall ist, während die Sportfunktionäre weiterhin von ihrem Versagen ablenken, sich mitschuldig machen wie die Politik.

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