https://www.faz.net/-gu9-6skrm

Anabolikadoping im Westen : „Sie haben das Zeug gefressen“

  • Aktualisiert am

„Es war ja kein Geheimnis, dass der schwedische Diskuswerfer Ricky Bruch Anabolika nahm” Bild: AP

Richard Westerhoff aus Iserlohn war dreißig Jahre lang Vereinstrainer in Iserlohn und Dortmund sowie Verbandstrainer in Westfalen. Der heute 81-Jährige arbeitet immer noch als Lehrer. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Anabolikadoping im Westen.

          3 Min.

          Sie waren Läufer, Sie wurden 1950 Trainer und später Lehrwart. Wann sind Sie zum ersten Mal Dopingmitteln begegnet?

          Gelesen hatte ich davon in den Zeitungen. Es war ja kein Geheimnis, dass der schwedische Diskuswerfer Ricky Bruch (der in diesem Mai gestorben ist, d. Red.) Anabolika nahm. Es gab damals, in den sechziger Jahren, Anfang der siebziger Jahre, zum Thema Doping keinerlei moralische oder medizinische Bedenken. Ich hatte keine Ahnung, was Anabolika waren und musste das erst einmal nachlesen.

          Hatte Ricky Bruch Vorbildwirkung?

          Natürlich. Aufputschmittel waren verboten, daran waren Sportler gestorben. Sie waren verpönt. Gegen Anabolika gab es keine Vorbehalte. Sie dürfen das nicht von heute aus betrachten. Vom damaligen Standpunkt aus wurde es erst anrüchig, weil man sich einen unredlichen Vorteil gegenüber den Konkurrenten verschaffte. Von gesundheitlichen Folgen wusste man nichts.

          Wo sind Sie diesen Mitteln begegnet?

          Zu den Olympischen Spielen von München 1972 sind manche Mannschaften schon Wochen vorher angereist. Ich habe den Plan für die Belegung der Sportplätze gemacht und war eingeteilt, die Hammerwerfer zu betreuen. Sie trainierten nicht mit den anderen zusammen, sondern ein bisschen außerhalb auf einem Wurfplatz. Deshalb war ich relativ dicht dran. Sie haben alle geschluckt.

          Wer war das?

          Das kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann ist: Sie haben das Zeug nicht gegessen, sondern gefressen. Auf ihren Tischen standen reichlich Anabolika. Die Überzeugung war: Viel hilft viel. Das war kein Geheimnis. Und es hat niemanden gestört.

          Haben alle das genommen, oder gab es Ausnahmen?

          Das weiß ich nicht. Ich war ja kein Detektiv, sondern ihr Betreuer.

          Haben Sie Fälle von unkontrollierter Aggressivität erlebt, das, was man heute Roid Rage nennt?

          Damals nicht. Das habe ich beobachtet, als ich in den achtziger Jahren mit meinen Langläuferinnen im Trainingslager in Tirrenia war, bei Pisa. Dort trainierte auch Helena Fibingerova aus der Tschechoslowakei, die Kugelstoß-Weltmeisterin. Sie war aggressiv bis zum Gehtnichtmehr. Meine Mädchen duschten und hatten abgeschlossen, da hätte sie fast die Tür eingetreten.

          Haben die anderen Betreuer von München 1972 ähnliches wie Sie in anderen Disziplinen beobachtet?

          Das weiß ich nicht. Darüber haben wir nicht gesprochen. Es gab kein Unrechtsbewusstsein.

          Die deutschen Sportärzte haben damals die Nebenwirkungen von Anabolika verharmlost. Haben Sie das erlebt?

          Bei einem Lehrgang für Lehrwarte und Trainer des DLV hat uns Dr. Mader über Anabolika informiert.

          Alois Mader, der aus Kreischa nach Köln gekommen war...

          . . . Er hat uns dargelegt, dass Anabolika nicht schädlich seien. Es veränderten sich zwar die Leberwerte. Aber wenn man das absetzte, wären die Werte nach sechs Wochen wieder normal. Wir haben auch gelernt, dass der Einsatz von Anabolika bei Männern im Langstreckenlauf witzlos wäre. Bei den Frauen, sagte Mader damals, würden die Mittel eine Leistungssteigerung bewirken; ich weiß nicht mehr, ob zwei oder vier Prozent. Das sind Welten, wenn sich eine Läuferin von 40 auf 38 Minuten verbessern kann über 10.000 Meter.

          Hat er Ihnen die Verabreichung von Anabolika empfohlen?

          Nein, er hat nur die Wirkung dargelegt. . .

          . . . die Leistungssteigerung. . .

          Genau. Er hat unterschieden zwischen Männern und Frauen. Uns sollte klar werden, dass es gesundheitlich keine Probleme geben würde. Es wäre ja hirnrissig gewesen, dass er mit seiner Erfahrung einen solchen Vortrag hielte, wenn er gegen den Einsatz der Mittel gewesen wäre.

          Die Entscheidung hat er Ihnen überlassen?

          Ja natürlich. Das war eine Angelegenheit der Trainer. Mir haben damals Trainer erzählt, vor allem Trainer von Frauen, denn bei denen wirkte es besonders, wann und in welchen Mengen sie es nehmen. Nur: Ich kann keine Namen nennen, weil ich es nicht beweisen kann. Einige waren aber sicher auch derselben Überzeugung wie ich, dass man junge Mädchen nicht durch solche Mittel für ihr ganzes Leben zeichnen darf.

          Resultierte diese Haltung aus den Beschreibungen von Mader?

          Nein. Bei der Hallen-Europameisterschaft in Dortmund 1966 hatte ich auf der Tribüne zufällig neben der sowjetischen 400-Meter-Läuferin Marija Itkina gesessen. Sie hatte an jenem Tag vergessen, sich zu rasieren. Es gibt ja Frauen mit Bartwuchs. Aber es kann auch sein, dass in der Sowjetunion damals schon solche Mittel im Einsatz waren. Ein anderes abschreckendes Beispiel war Jarmina Kratochvilova. . .

          . . . die bis heute den Weltrekord über 800 Meter hält.

          Sie hatte unglaubliche Muskeln und eine sehr männliche Erscheinung.

          Wie sind Sie mit all dem umgegangen?

          Ich habe meinen Mädchen erzählt, was für Leistungssprünge möglich sein sollen. Ich habe ihnen aber auch gesagt: Spätestens mit 35 ist der Sport vorbei. Dann habt ihr noch 45 Jahre ein normales Leben zu leben. Durch Anabolika ist es vielleicht ein für allemal kaputt.

          Das haben nicht alle so gehalten.

          Die Argumentation dafür war: Krafttraining verbraucht Testosteron. Die Mädchen können nur eine bestimmte Menge davon natürlich herstellen. Deshalb muss man substituieren, damit das Training nicht für die Katz ist. Das erschien logisch, und man brauchte es auch nur bei intensivem Krafttraining.

          Haben Ihre Mädchen da nicht ständig gegen gedopte Läuferinnen verloren?

          Den Eindruck hatte ich nicht. Ich glaube, dass viele Trainer vernünftig waren. Bei uns ging es nicht um Erfolge um jeden Preis.

          In den sechziger Jahren gab es die erste wissenschaftliche Studie über die gesundheitlichen Folgen von Anabolikadoping. Aber sie wurden nicht verbreitet.

          Das ist eine Schweinerei. Damit wurde die Gesundheit von Athleten aufs Spiel gesetzt. Ich kann mich noch an die ersten Broschüren erinnern, die vorgeblich gegen Doping waren. Darin wurde genau beschrieben, wie es wirkt. Die Nebenwirkungen wurden nicht erwähnt. Das waren Gebrauchsanweisungen. Ich habe sie noch in meiner Bibliothek. Damals habe ich mir gesagt, den Scheiß verwahrst du, damit du sagen kannst: Leute, ihr wart Heuchler!

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.