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25 Jahre nach dem Mauerfall : Doping von gestern, Schmerz von heute

Olympia 1972 ist lange vorbei, DDR-Sportler spüren die Folgen teilweise immer noch Bild: Imago

Sie waren vom Sport begeisterte Kinder. 25 Jahre nach der Wende zahlen die Opfer des DDR-Staatsdopings den Preis. Ihre Erzählungen sind erschütternd. Druck und Angst weichen nur langsam.

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          Das mit den Pillen ist lange her. Mehr als ein Vierteljahrhundert, vielleicht 30, 40 Jahre. Geschichten von vorgestern, aufgefrischt zum 25. Jahrestag des Mauerfalls: Das staatlich verordnete Doping in der DDR, das verschwiegene Doping, das Doping mit nicht zugelassenen Medikamenten, das Doping an Kindern, Menschenversuche im Namen des Sports.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Steve Drees braucht keinen Anstoß, keine Geschichtsstunde, um sich erinnern zu können. Dazu kommt es wie von selbst, mitten aus ihm heraus, fast jeden Tag. Die Saat, hineingestreut von Ärzten und Trainern in die jungen Körper, mag von gestern sein. Der Schmerz, den Drees empfindet, ist von heute.

          Mehr als 200 Doping-Opfer hat die Bundesrepublik anerkannt. Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH) zählt 700. 73 von ihnen sind in der Opferliste bei FAZ.NET aufgeführt. Sie waren alle einmal vom Sport begeisterte Kinder. Sie träumten von den Geschichten, die man ihnen erzählte, von dem Leben ihrer Idole, die man ihnen als goldglänzende, gesunde, schöne und erfolgreiche Vorturner präsentierte.

          Macht es wie sie! Manche kamen so weit, andere fielen schon vorher wie aus allen Wolken in ein Leben zurück, das sie heute an den Preis erinnert: Arthrose, kaputte Wirbelsäulen, Depressionen, Krebs. Ja, auch missgebildete Kinder.

          „Ich hatte Schmerzen ohne Ende“

          700? Die Dunkelziffer muss wesentlich größer sein. Wer erzählt schon gerne von seinen Schwächen, von seinen Gebrechen? Spitzensportler, die zu Härte gegen sich und andere erzogen wurden, sicher nicht. „Die Scham ist groß“, sagt Marie Katrin Kanitz. Sie war eine international erfolgreiche Eiskunstläuferin, sie ist ein Doping-Opfer, sie spricht im Namen des DOH mit allen, die Hilfe suchen: „Die Scham ist so groß, weil es zum Teil um sehr intime Schäden geht. Über eine Klitorisverlängerung spricht man nicht so leicht. Die Scham zu überwinden kostet ungeheuer viel Kraft.“

          Einen Doppelsalto rückwärts hat Steve Drees 1989 beim Training in der Kinder- und Jugend-Sportschule Potsdam überdreht, es gab keine Sicherung. „Ich bin mit dem Hinterkopf aufgeschlagen“, sagt Drees. Sein Kinn zertrümmerte das Brustbein. „Ich hatte Schmerzen ohne Ende. Ich sollte erst mal weitermachen.“ Drees ist 37 Jahre alt. Er arbeitet wieder, seit er seine angegriffene Psyche im Griff hat und versteht, was damals passiert ist.

          „Es gab immer wieder vormittags Pillen“

          „Das mit den Unfällen begann erst in der KJS, der Kinder- und Jugendsportschule“, sagt er. Linker Arm gebrochen, rechter Arm, dann das Brustbein. Das kannte er so nicht vom Training in Schwedt, wo er zum Turnen fand, „bis heute meine große Liebe“. Weg von daheim, in der KJS, stiegen die Forderungen der Trainer, die Übungen wurden schwieriger, die Angst wuchs. Zehn Jahre nach seinem schweren Unfall bekam Drees einen Fragebogen von der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität. Sie sammelte Informationen für die Berliner Doping-Prozesse Ende der neunziger Jahre.

          „Mein Heimtrainer sagte mir damals, ich brauchte das nicht ausfüllen. Ich hätte kein Doping bekommen.“ Drees, mittelgroß, sehr schlank, lächelt. Er hat es gerne geglaubt, damals. Erst 2004 fügte er die Details zusammen. Nachdem ihm „ein Kumpel“ aus der Turnriege die Augen geöffnet hatte. „Es gab immer wieder vormittags Pillen, blaue waren auch dabei, in einem Zimmer vom Trainer. Das war nie öffentlich. Er sagte mir, es seien Vitamine, sie seien gut für mich.“

          „Nachmittags fühlte ich mich stark“

          Die blauen „Bohnen“ waren Oral-Turinabol, das eigens vom Volkseigenen Betrieb (VEB) Jenapharm für den Leistungssport hergestellte, im Sport auf dem Globus längst verbotene Anabolikum. Oral-Turinabol reduziert unter anderem die Regenerationszeit, man kann länger und härter trainieren. Kurzfristig kann es die Aggressivität steigern, Angst nehmen. Drees war zwölf, als ihn sein Trainer aufforderte, die „Vitamine“ zu schlucken. „Nachmittags fühlte ich mich stark für die schwierigen Übungen.“ Dann brach das Brustbein. Drees musste mit dem Leistungsturnen aufhören. Der Schmerz geht durch sein Leben.

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