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Doping : "Wir sollten uns lieber erst an die eigene Nase fassen"

  • -Aktualisiert am

Mehrere Dopingfälle haben einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Athen das Image der nach eigenem Selbstverständnis "saubersten Sportnation der Welt" angekratzt und gleichzeitig das mit ebenso ungeheurem Aufwand wie Erfolg betriebene Hochleistungssystem Australien in Verruf gebracht.

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          John Coates ist der mächtigste Mann im australischen Sport und normalerweise kaum aus der Ruhe zu bringen. Der gewiefte Anwalt aus Sydney ist Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und verfügt über Kontakte, die jeden Politiker vor Neid erblassen lassen. Doch seit einigen Tagen ist Coates so nervös, wie man ihn in der Öffentlichkeit noch nie gesehen hat. Nicht einmal, als in der Vorbereitung der Sommerspiele von Sydney 2000 manches schiefging und hinter verschlossenen Türen ein gnadenloser Machtkampf tobte, aus dem er regelmäßig als Sieger hervorging. Jetzt aber wird der clevere Manager mit einem Gegner konfrontiert, der nicht hinter den Kulissen bekämpft und ruhiggestellt werden kann. Mehrere Dopingfälle haben einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Athen das Image der nach eigenem Selbstverständnis "saubersten Sportnation der Welt" angekratzt und gleichzeitig das mit ebenso ungeheurem Aufwand wie Erfolg betriebene Hochleistungssystem vom fünften Kontinent in Verruf gebracht.

          Die „Kaderschmiede“

          Der Skandal hatte begonnen, als der 19jährige Bahnradfahrer Mark French wegen Handels mit Dopingmitteln lebenslang für Olympia gesperrt worden war. Der mehrmalige Junioren-Weltmeister hatte daraufhin ausgepackt und erschreckende Zustände in der "Kaderschmiede" der Radsportler in Adelaide beschrieben, wo sich bei Nacht und Nebel ganze Grüppchen von Sportlern verbotene Mittel injiziert hätten. Inzwischen ist die Nominierung eines weiteren Radsprinters wegen noch laufender polizeilicher Ermittlungen ausgesetzt worden; und am Montag wurde bekannt, daß der Zoll Anfang 1999 ein Päckchen mit Dopingmitteln abgefangen hatte, das an Sean Eadie adressiert war (F.A.Z. vom 13. Juli). Nach Frenchs Worten hatte Eadie ihm in Adelaide die erste Spritze gesetzt - mit, wie er damals geglaubt haben will, zulässigen Vitaminen. Eadie hat gestern Protest gegen seine mögliche Sperre eingelegt, die ihn und seine Sprintmannschaftskameraden auch die in Sydney gewonnenen Bronzemedaillen kosten könnten.

          Coates und sein NOK haben vorerst jede weitere Nominierung für das Athen-Team, das 480 Sportler umfassen soll, ausgesetzt und Selbstinjektionen verboten. Darüber hinaus soll der Zoll in Windeseile überprüfen, ob möglicherweise noch weitere vergleichbare Fälle vorliegen. Mehr als insgesamt 2000 Namen aller aktuellen Olympiakandidaten, die der Starter von Sydney 2000 und Salt Lake City 2002 sowie ihrer Ärzte und Trainer müssen in den wenigen noch verbleibenden Tagen bis zur endgültigen Nominierung überprüft werden.

          Bösewichter

          Nachdem Ende vergangener Woche auch noch eine Gewichtheberin ihren Platz im Team verloren hatte, weil sie einen Dopingtest verweigert hatte, fragt sich die australische Öffentlichkeit, ob die australischen Sportler tatsächlich so anständige Athleten, umgeben von Bösewichtern aus vieler Herren Ländern, sind, wie ihnen immer erklärt worden ist. Australiens berühmteste Olympionikin Dawn Fraser hat ihre Landsleute bereits aufgefordert, sich von dieser Vorstellung zu verabschieden: "Bevor wir andere anklagen und mit den Fingern auf die Chinesen und die Amerikaner zeigen, sollten wir uns lieber erst an die eigene Nase fassen", sagte die Schwimmerin, deren Aussagen wegen ihrer jahrelangen Kämpfe mit dem Sport-Establishment besonderes Ansehen genießen.

          "Das sportverrückteste Volk der Welt" seien die Australier, hatte der frühere IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch einmal gesagt. Mancher Australier fragt sich jetzt, ob die Verrücktheit nicht manchmal etwas zu weit geht. In der Vergangenheit waren australische Dopingsünder oft mit fadenscheinigen Entschuldigungen und lauen Strafen davongekommen. So befanden sich Tabletten "zufällig" in der Handtasche des Trainers oder wurden von der unwissenden Mutter verabreicht. Selbst der Skandal um den aus Rußland stammenden Schwimmtrainer Gennadi Turetski ging aus wie das Hornberger Schießen, obwohl sein angeblich gestohlener Safe unter mysteriösen Umständen in einem See gefunden wurde und diverse Dopingmittel enthielt.

          Erstaunliche Erfolge

          Tatsache ist, daß Australien seit Jahren im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl eine der erfolgreichsten Sportnationen der Welt ist. In Sydney landete das einheimische Team mit 58 Medaillen auf Platz vier. Wenn man berücksichtigt, daß von den nur 20 Millionen Australiern zudem Hunderttausende nichtolympische Sportarten wie Rugby, Cricket und Netball (eine Art Korbball) betreiben, sind die Erfolge noch erstaunlicher. Seit das Team aus Montreal 1976 mit der kläglichen Ausbeute von einer Silber- und drei Bronzemedaillen heimkehrte, haben die Australier mit Milliardenaufwand aufgerüstet. Das Australian Institute of Sport in der Hauptstadt Canberra und seine zahlreichen Ableger in den Bundesländern suchen weltweit ihresgleichen. Seit dem Zerfall des Ostblocks haben die Australier zahlreiche Spitzentrainer aus diesen Ländern nach Australien gelockt.

          Gleichzeitig haben die Australier immer wieder behauptet, sie seien im Kampf gegen Doping weltweit führend. Die unabhängige Australian Sports Drug Agency verweist stolz darauf, daß im vergangenen Jahr 6263 Dopingtests vorgenommen wurden, davon mehr als 70 Prozent im Training. Positiv waren weniger als ein halbes Prozent, wobei nicht feststellbar ist, wie viele Dopingsünder olympische Sportarten betreiben.

          Trotzdem bleibt nach den jüngsten Ereignissen zumindest ein schaler Nachgeschmack. Richard Pound, der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, hat den Australiern "Geheimniskrämerei" vorgeworfen und gewarnt, man könne seinen guten Ruf auch Stück für Stück verspielen. Kein Wunder, daß John Coates dieser Tage so nervös ist.

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